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1. Timotheus 1,12-17

In der ökumenischen Bibellese sind aktuell die „Pastoralbriefe“ dran, also 1. und 2. Timotheus und Titus. Wir begegnen dort Paulus als Seelsorger für die Hirten (Pastoren) einer Gemeinde. Wie kann jemand, der oder die in die Verantwortung für die Gemeinde berufen wurde – und diese Berufung angenommen hat – den Dienst angemessen ausführen?

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Heute gibt uns Paulus einen Einblick in die Grundlage für seinen Dienst im 1. Timotheus 1,12-20; den ganzen Text findest Du wieder unten angehängt.

 

12  Ich danke Christus Jesus, unserem Herrn, der mir die nötige Kraft gegeben hat. Denn er hat mir sein Vertrauen geschenkt und mich in seinen Dienst genommen.

13  Dabei war ich früher ein Gotteslästerer, habe ihn verfolgt, und mich voll Überheblichkeit gegen ihn gestellt. Aber er hat mir sein Erbarmen geschenkt. Denn ungläubig, wie ich war, wusste ich nicht, was ich tat.

14  Ja, unser Herr schenkte uns Gnade über alle Maßen. Und mit ihr Glaube und Liebe, die aus der Verbundenheit mit Christus Jesus erwachsen.

15  Das folgende Wort ist zuverlässig und verdient vorbehaltlose Annahme: »Christus Jesus ist in diese Welt gekommen, um die Schuldbeladenen zu retten.« Und ich selbst bin der erste unter ihnen.

16  Aber gerade deshalb hat er mir sein Erbarmen geschenkt. Denn Christus Jesus wollte an mir als Erstem beispielhaft seine ganze Geduld zeigen. Sie gilt allen, die künftig zum Glauben an ihn kommen und dadurch das ewige Leben empfangen.

17  Dem ewigen König, dem unvergänglichen, unsichtbaren und einzigen Gott gebührt die Ehre. Er regiert in Herrlichkeit für immer und ewig. Amen!

 

Die Bekehrungs- und Berufungsgeschichte von Paulus ist wahrscheinlich vielen bekannt; ein „Damaskuserlebnis zu haben“ hat ja sogar Eingang in unsere Alltagssprache gefunden. (Hier kannst Du es aus unterschiedlichen Perspektiven nachlesen: Apostelgeschichte 9; 22; 29; und dann nimmt Paulus in seinen Briefen darauf immer wieder indirekt Bezug.) Jesus begegnet vor Damaskus Paulus in einer übernatürlichen Erscheinung und nimmt ihn in Beschlag. Das führt dazu, dass sich Paulus als später Augenzeuge in die Reihe der Apostel aufgenommen sieht. Sein Selbstverständnis wird besonders am Anfang des Galaterbriefes deutlich: „Paulus, Apostel – und zwar nicht von Menschen berufen. Auch nicht durch einen Menschen eingesetzt. Sondern durch Jesus Christus und Gott, den Vater, der ihn vom Tod auferweckt hat.“ (Galater 1,1)

Das ist beeindruckend und ohne Frage etwas ganz Besonderes. War es aber eine einmalige Geschichte oder kann es als Vorbild dienen dafür, wie Menschen bis heute Bekehrung erleben? Das Wort „Bekehrung“ meint eigentlich eine Umkehr um 180 Grad. Ein Mensch wendet sich ab von seinem alten Leben, dreht sich Jesus zu und folgt ihm nach. Eine ganz radikale Lebensveränderung. In unserem Bibelwort schreibt Paulus in Vers 13: „Ich war früher ein Gotteslästerer.“ Und er beschreibt sich als „ungläubig“. Das verwundert uns vielleicht auf den ersten Blick; denn Paulus war ja durchaus ein frommer Jude und damit auch sehr gläubig in Bezug auf den Gott seines Volkes, der ja schließlich auch der „Vater unseres Herrn Jesus Christus“ (so Paulus z. B. in 2. Korinther 1,3) ist.

Diese radikale Umkehr ist keine Absage an die Zugehörigkeit zu seinen jüdischen Wurzeln, sondern eine eindeutige Neuausrichtung in allem auf Jesus Christus als dem Zentrum seines Lebens. Aber noch einmal: Kann das als Vorbild dienen für dich und mich? Die Antwort kann wieder einmal nur in einem klaren „Jein“ liegen. Beginnen wir mit dem „Nein, es kann kein Vorbild sein“:

Viele Christen – besonders die, die in einem frommen Elternhaus pietistisch-evangelikaler Prägung groß geworden sind – haben ihr Leben lang auf ein Damaskuserlebnis gewartet. Sie leben ganz selbstverständlich mit den biblischen Geschichten und ohne Frage gehört das Bewusstsein, dass Gott da ist, zur Grundlage ihres Lebens. Beten ist nicht nur eine erzwungene Übung vor dem Essen und Zu-Bett-gehen, sondern ein Halt in den Unsicherheiten des Alltags. Aber irgendwie fehlt diese Offenbarung, dieses helle Licht, das sie vom Hocker haut. Und dann gibt es diese ergreifenden Geschichten von anderen Leuten, die so richtig was auf dem Kerbholz hatten, Gottlose in allen Varianten, die dann auf Veranstaltungen von ihrer 180-Grad-Wende erzählen konnten. Und das arme fromme Kind forscht nach echten Sünden, von denen es sich irgendwie abkehren könnte.

Nein, da wird Bekehrung zu einem Werk des Menschen, zu der verzweifelten Suche nach dem übernatürlichen Kick, zu der Abkehr von einem Leben, das eigentlich ganz in Ordnung ist. Das „vorher schwarz“ und „nachher weiß“ will nicht so recht gelingen. Leider führt diese Erwartung dann oft dazu, dass sich Gemeindekinder nach ein paar Versuchen der Bekehrung ganz vom Glauben abwenden. Sie hatten sich auf die Suche gemacht, aber sie konnten nicht finden. Wir können dankbar sein, dass ein erdrückendes „Du musst dich bekehren, sonst gehst du verloren!“ heute nicht mehr zu unserem theologischen Ansatz gehört.

Denn – und damit kommen wir zum dem „Ja, die Bekehrung des Paulus ist ein Vorbild“ – Bekehrung ist kein Werk des Menschen. Wenn gesagt wird: Ich habe mich bekehrt!, dann ist das eigentlich keine zulässige Aussage. Denn nicht ich habe mich bekehrt – das wäre meine fromme Leistung –, sondern ich wurde bekehrt. Wenn wir das Damaskuserlebnis von Paulus nachlesen, dann wird deutlich, dass er gar nicht gefragt wird, ob er denn nun berufen und in den Dienst gestellt werden möchte. Das geschieht an ihm – und er lässt sich darauf ein.

In unserem heutigen Bibelwort gibt es an keiner Stelle eine Aussage, die irgendwie in die Richtung geht: Ich habe zugestimmt, ich war einverstanden, ich habe mich bekehrt. Sondern es geht ausschließlich um die vorbehaltlose Zuwendung Gottes in Jesus Christus. Lies es noch einmal nach, das Verb „schenken“ kommt am häufigsten vor. Jesus schenkt Vertrauen, Gnade, Glaube, Liebe, Erbarmen – einseitiger geht es nicht. Und das sieht Paulus als typisch für Nachfolgerinnen oder Nachfolger Jesu (V.16): „Denn Christus Jesus wollte an mir als Erstem beispielhaft seine ganze Geduld zeigen. Sie gilt allen, die künftig zum Glauben an ihn kommen und dadurch das ewige Leben empfangen.

 

Es ist und bleibt ein Geheimnis, warum der eine zum Glauben an Jesus Christus findet und der andere nicht. Wir müssen uns davor hüten, beurteilen zu wollen, ob und wie der Glaube bei einem anderen vorhanden ist. Wir machen uns für uns selbst bewusst: Es ist das Geschenk der liebevollen Zuwendung Jesu, dass ich zum Glauben gefunden habe, mich Jesus anvertrauen kann. Und wir ermutigen andere, sich auf das einzulassen, was Jesus schon längst in ihrem Leben getan hat und heute tut. Niemand muss Glauben produzieren, niemand kann sich bekehren, aber wir sind auch keine fremdgesteuerten Marionetten. Wir sind herausgefordert, im Vertrauen auf das zu antworten, was uns schon geschenkt ist. „Ja, unser Herr schenkte uns Gnade über alle Maßen. Und mit ihr Glaube und Liebe, die aus der Verbundenheit mit Christus Jesus erwachsen.“ Und noch etwas können wir tun: Wir beten für füreinander, dass uns und anderen immer mehr die Herzen geöffnet werden für Jesus Christus, wie er schon in unserem Leben handelt.

 

Ich möchte uns für diesen Tag ermutigen. Wir können beten, liebevoll miteinander umgehen und anderen helfen, wo Hilfe gebraucht wird. Wir wollen für die Menschen beten, die sich mit dem Glauben schwer tun, dass sie entdecken können, was Jesus schön längst in ihrem Leben tut. Und dass sie so mutig sind, sich im Vertrauen darauf einzulassen.

 

Pastor Axel Schlüter

 

 

1. Timotheus 1,12-20 (BasisBibel)

12     Ich danke Christus Jesus, unserem Herrn, der mir die nötige Kraft gegeben hat. Denn er hat mir sein Vertrauen geschenkt und mich in seinen Dienst genommen.

13     Dabei war ich früher ein Gotteslästerer, habe ihn verfolgt, und mich voll Überheblichkeit gegen ihn gestellt. Aber er hat mir sein Erbarmen geschenkt. Denn ungläubig, wie ich war, wusste ich nicht, was ich tat.

14     Ja, unser Herr schenkte uns Gnade über alle Maßen. Und mit ihr Glaube und Liebe, die aus der Verbundenheit mit Christus Jesus erwachsen.

15     Das folgende Wort ist zuverlässig und verdient vorbehaltlose Annahme: »Christus Jesus ist in diese Welt gekommen, um die Schuldbeladenen zu retten.« Und ich selbst bin der erste unter ihnen.

16     Aber gerade deshalb hat er mir sein Erbarmen geschenkt. Denn Christus Jesus wollte an mir als Erstem beispielhaft seine ganze Geduld zeigen. Sie gilt allen, die künftig zum Glauben an ihn kommen und dadurch das ewige Leben empfangen.

17     Dem ewigen König, dem unvergänglichen, unsichtbaren und einzigen Gott gebührt die Ehre. Er regiert in Herrlichkeit für immer und ewig. Amen!

18     Timotheus, mein Kind, ich vertraue dir diese Lehre an. Nach wie vor gelten die prophetischen Worte, die dir bei deiner Einsetzung zugesprochen wurden. Aus ihnen sollst du die nötige Kraft schöpfen, um den guten Kampf zu kämpfen.

19     Bewahre den Glauben und ein gutes Gewissen! Manche lehnen das ab und haben in ihrem Glauben Schiffbruch erlitten.

20     Hymenäus und Alexander gehören dazu. Ich habe sie dem Satan ausgeliefert. Durch diese Strafe sollen sie lernen, Gott nicht mehr zu lästern.

 

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BasisBibel. Neues Testament und Psalmen, © 2012 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart: www.basisbibel.de

 

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