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Epheser 4,11

Wir lesen heute Epheser 4,11-16 (Einheitsübersetzung);
der ganze Text ist wieder unten angehängt:

Paulus schreibt:

11   Und Christus setzte die einen als Apostel ein,
andere als Propheten,
andere als Evangelisten, andere als Hirten und Lehrer.

 

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Wenn der fromme Pilger in Jerusalem über die Via Dolorosa – der schmerzhafte Weg – wallfahrtet, dann geht er den Weg Jesu vom Amtssitz von Pilatus bis zu Golgatha über 14 Stationen nach – vielleicht ist das nächstes Jahr zu Ostern wieder möglich. Historisch gesehen kann man mit Sicherheit sagen, dass Jesus dort nicht entlang gegangen ist. Vielleicht hat er den Weg hier oder da berührt oder gekreuzt. Außerdem lag das Fußboden-Niveau zur Zeit Jesu um einige Meter tiefer als heute. Denn früher wurden nach der Zerstörung einer Stadt die Trümmer nicht zur Seite geräumt – der Bagger oder schweres Gerät war noch nicht erfunden –, sondern sie wurden aufgefüllt. Und so konnte auf der neuen Ebene die Stadt wieder aufgebaut werden. Deshalb graben sich heutzutage die Archäologen durch eine Schicht nach der anderen immer tiefer in die Vergangenheit hinein. Die Altstadt von Jerusalem ist mittlerweile weitläufig unterkellert, weil man diese alten Schichten freilegt ohne die heiligen Stätten darüber zu berühren.

So ähnlich müssen wir auch vorgehen, wenn wir uns dem Begriff „Prophet“ beziehungsweise „Prophetie“ nähern, der uns in unserem Bibelwort Epheser 4,11 als Leitungsbegabung begegnet. Auch hier müssen erst einige Schichten beiseite geräumt werden, bevor wir uns dem Kern der Aussage nähern.

In unserem alltäglichen Sprachgebrauch sind Propheten Zukunftsvorhersager. „Ich bin doch kein Prophet!“ soll heißen: Ich kann nicht in die Zukunft schauen. Wenn irgendwelche Prophezeiungen verkündet werden, dann geht es meist um unheilvolle Ansagen über das, was ganz bestimmt kommen wird. Bis zum Erweis des Gegenteils.

Im Islam sind Propheten besondere Männer Gottes, die das Gesetz Gottes offenbart bekommen haben. Deswegen ist Mohammed der letzte und wichtigste in dieser Reihe.

Das ähnelt dem Verständnis, mit dem Jesus im Israel seiner Zeit zu tun hatte. Da waren Propheten auch besondere Gottesmänner, und sie spielten vor allem in der Erwartung auf den Messias eine wichtige Rolle. Deswegen wurden Johannes der Täufer oder auch Jesus selbst gerne als Propheten bezeichnet.

In der Zeit des antiken Judentums (ca. 1000 bis 200 v. Chr.) waren die Propheten wie Jesaja oder Jeremia oder Amos diejenigen, die verbindlich und verlässlich das Wort Gottes sagen konnten. Manchmal wurde ihnen das erst im Nachhinein zugebilligt, aber sie traten zumindest in dieser Autorität auf. „So spricht Jahwe“ oder „Spruch Jahwes“ waren Formeln, die genauso unmittelbar gemeint waren: Wenn der Prophet redet, dann redet eigentlich Gott selbst durch ihn.

Aus diesem Befund – vor allem vom Alten Testament her – könnten wir nun schließen, dass Paulus auch so etwas meint, wenn er in seinen Briefen von Prophetie schreibt. Dann wären die prophetisch Begabten in der Gemeinde Leute, die mit absoluter Autorität das Wort Gottes verkündigen würden. Vielleicht hast du das auch schon mal erlebt, dass jemand meinte, seine Worte mit „so spricht der Herr“ einleiten zu müssen, um ihnen das nötige Gewicht zu verleihen.

Nun müssen wir noch eine kleine Schicht zur Seite räumen: Unser Wort „Prophet“ ist ein Lehnwort aus dem Griechischen, also aus der Sprache, in der Paulus damals seine Briefe verfasste. Und im griechisch-römischen Umfeld konnten mit prophétes alle möglichen Leute bezeichnet werden – bis hin zum Verfasser von Gedichten (siehe Titus 1,12). Das Wortumfeld von Prophet war also nicht dazu geeignet, jemanden zu bezeichnen, der in der Autorität wie ein Hesekiel oder Hosea das Wort Gottes zu sagen hatte.

Wenn es um diese Autorität geht, waren für die ersten Christen die Augenzeugen Jesu wichtig. Dafür wurde der Begriff des Apostels reserviert, der im griechischen Umfeld relativ unbekannt und unvorbelastet war. Die Apostel waren ursprünglich die Leute, die das verbindliche Wort Gottes zu sagen hatten (siehe Galater 1,1+8-9). Der Begriff wurde dann aber im Laufe der Zeit etwas anders gebraucht – siehe die Bibelauslegung von gestern.

Was bedeutet das aber für uns, wenn wir dennoch in den Briefen des Apostels Paulus vom prophetischen Reden lesen? Zuerst können wir feststellen, dass Paulus das prophetische Reden enorm wichtig war. Es gibt vier verschiedene Aufzählungen der geistlichen Gaben, die uns von Paulus überliefert sind: Römer 12,6-8; 1. Korinther 12,7-11+27-30; und Epheser 4,11. Sie sind sehr unterschiedlich und einzig die Prophetie kommt in allen vor. Und Paulus widmet dieser Gabe, und wie sie in der Gemeinde eingesetzt werden sollte, das ganze Kapitel 14 im 1. Korintherbrief.

 

Prophetisches Reden (oder Weissagung in manchen Übersetzungen) meint von daher, dass jemand ein Wort von Gott in die Situation der Gemeinde oder auch einer Gruppe oder eines Einzelnen bekommen hat. Dieses Wort ist aber nicht das verbindliche, autoritative, unmittelbare Gotteswort eines alttestamentlichen Propheten oder neutestamentlichen Apostels. Sondern es ist immer zugleich geistlich und menschlich und darf und muss von daher geprüft werden. Deswegen wird prophetisches Reden in der Gemeinde auch nicht eingeleitet mit: „Höret das Wort des Herrn!“ – mit Echo und Donnerhall im Hintergrund –, sondern es ist mehr ein Angebot, ein Hinweis: „Ich habe den Eindruck, Gott möchte uns etwas sagen. Wie geht es euch damit?“.

Ich bin überzeugt, dass prophetisches Reden viel öfter geschieht, als wir das wahrhaben. Vielleicht hast du schon mal jemanden angerufen mit den Worten: „Ich habe ein Bibelwort für dich aufs Herz gelegt bekommen.“ Und der oder die andere antwortet: „Das passt genau in meine Situation!“ Oder der Anruf an sich wurde schon als Gottes Zuspruch erlebt. Oder du betest für jemanden und dabei kommt die ein Gedanke in den Sinn, denn du dann im Gebet – ganz vorsichtig – einbringst. Und wieder ist die Reaktion: Das war genau passend!

Nun ist prophetisches Reden in der Gemeinde aber immer eine Mischung von Gottes- und Menschenwort und muss immer auch geprüft werden. Da kann es natürlich auch vorkommen, dass ein Eindruck daneben war. Unpassend. Nicht richtig hingehört oder falsch formuliert oder zum verkehrten Zeitpunkt. Das kommt vor und ist aber nicht weiter schlimm. Es gehört zum Wesen des prophetischen Redens in der Gemeinde Jesu dazu. Im Gegenteil: Wenn sich prophetisch begabte Leute zu Propheten wie Jesaja aufschwingen und absoluten Gehorsam ihren Worten gegenüber einfordern, dann klopft der geistliche Machtmissbrauch an die Gemeindetür.

 

In der Gemeindeleitung nimmt prophetisches Reden einen wichtigen Platz ein. Die Leitung geschieht nicht nur wie in einer Organisation in dieser Zeit und Welt – das auch. Aber sie lebt zuerst davon, dass bei allen Überlegungen und Entscheidungen diese Ebene mitschwingt: Was meint Jesus als der Herr seiner Gemeinde eigentlich dazu? Und da gibt es die prophetisch Begabten in der Leitung, die noch einmal etwas genauer und feiner hinhören können als andere.

 

Ich möchte uns für diesen Tag ermutigen. Wir können beten, liebevoll miteinander umgehen und anderen helfen, wo Hilfe gebraucht wird. Vielleicht hast du ein gutes, ermutigendes Wort für jemanden? Was hindert dich, es ihr oder ihm auch zu sagen?

 

Pastor Axel Schlüter

 

Epheser 4,11-16 (Einheitsübersetzung)

11     Und Christus setzte die einen als Apostel ein, andere als Propheten, andere als Evangelisten, andere als Hirten und Lehrer,

12     um die Heiligen für die Erfüllung ihres Dienstes zuzurüsten, für den Aufbau des Leibes Christi,

13     bis wir alle zur Einheit im Glauben und der Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen, zum vollkommenen Menschen, zur vollen Größe, die der Fülle Christi entspricht.

14     Wir sollen nicht mehr unmündige Kinder sein, ein Spiel der Wellen, geschaukelt und getrieben von jedem Widerstreit der Lehrmeinungen, im Würfelspiel der Menschen, in Verschlagenheit, die in die Irre führt.

15     Wir aber wollen, von der Liebe geleitet, die Wahrheit bezeugen und in allem auf ihn hin wachsen. Er, Christus, ist das Haupt.

16     Von ihm her wird der ganze Leib zusammengefügt und gefestigt durch jedes Gelenk. Jedes versorgt ihn mit der Kraft, die ihm zugemessen ist. So wächst der Leib und baut sich selbst in Liebe auf.

 

COPYRIGHT

Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, vollständig durchgesehene und überarbeitete Ausgabe© 2016 Katholische Bibelanstalt, Stuttgart

BasisBibel. Neues Testament und Psalmen, © 2012 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart: www.basisbibel.de

 

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