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Epheser 4,11

Wir lesen heute Epheser 4,11-16 (Einheitsübersetzung); der ganze Text ist wieder unten angehängt:

Paulus schreibt:

11  Und Christus setzte die einen als Apostel ein, andere als Propheten,
andere als Evangelisten, andere als Hirten und Lehrer.

 

Auch zum Anhören 

oder im Festnetz

unter 089 45461404.


In dieser Woche schauen wir uns das vierte Kapitel vom Epheserbrief etwas genauer an. Wir nehmen Gemeinde wahr als eine geistliche Wirklichkeit, als den Leib Christi inmitten dieser Zeit und Welt, in der wir nun einmal leben. Und wir fragen nach der Aufgabe der Leitung von Gemeinde. Gestern haben wir uns bewusst gemacht, dass Leitung oder Führung in der Gemeinde dazu da ist, jede Nachfolgerin und jeden Nachfolger Jesu zu einer geistlichen Mündigkeit zu führen (Verse 14+15).

 

Vielleicht ist dir schon aufgefallen, dass in unserem ganzen Bibelabschnitt nirgends das Wort ‚Gemeindeleitung‘ vorkommt. Paulus schreibt in Vers 11 von einigen Gaben, die Jesus der Gemeinde geschenkt hat, und entfaltet anschließend die damit verbundenen Aufgaben. Nun gibt es viele Möglichkeiten, diesen Text zu interpretieren – und es gibt auch schon bücherweise Erklärungen dazu. Der bekannteste Ansatz ist sicher die Rede vom „fünffältigen Leitungsdienst“, an der ich mich auch orientiere. Es geht aber nicht darum, zu sagen: „So steht das in der Bibel und deswegen müssen wir das auch so machen.“ Sondern es soll eine Denk- und Sortierhilfe sein, an der wir uns vor Ort orientieren können.

Dieses Kapitel vier im Epheserbrief ist etwas Besonderes im Neuen Testament, weil es fast die einzige Bibelstelle ist, wo ausdrücklich etwas über das Ziel von Leitung oder Führung in der Gemeinde gesagt wird. Wir finden an einigen anderen Stellen zwar Aussagen, dass es bestimmte Dienste/Ämter gegeben hat – Älteste, Diakone, Vorsteher, Witwen –, und welche Qualifikationen die mitbringen sollten. Aber es wird nichts dazu gesagt, was genau sie eigentlich tun sollen, worin sich ihre Dienste konkret unterscheiden. Den einzigen – und auch sehr wichtigen – Hinweis lesen wir in Apostelgeschichte 20,28, wo Paulus den Ältesten bzw. Vorstehern der Gemeinde von Ephesus sagt: „Gebt acht auf euch selbst und auf die ganze Herde. Der Heilige Geist hat sie eurer Aufsicht und Leitung anvertraut! Hütet die Gemeinde Gottes, die er durch sein eigenes Blut erworben hat.

Wer in der Leitung/Führung der Gemeinde dient, nimmt immer einen Hirtendienst wahr. Und da ist enorm wichtig zu beachten, dass es nicht den alleinigen Hirten (lateinisch Pastor) einer Gemeinde gibt, sondern immer die Hirten in der Mehrzahl unter dem „Oberhirten“ Jesus Christus selbst. Das fordert heraus zum Hirtendienst, das entlastet aber auch zugleich, weil es nur einen „guten Hirten“ gibt. Jesus spricht so von sich selbst in Johannes 10,11.14.

Und noch ein wichtiger Hinweis, warum dieses Kapitel im Epheserbrief eine so entscheidende Rolle spielt, wenn es um Gemeindeleitung geht – und das betrifft auch den ganzen Brief, weil er sich besonders mit Gemeinde an sich beschäftigt. Wir sprechen zwar vom Epheserbrief und haben dabei die Vorstellung, dass Paulus diesen Brief an die Gemeinde in Ephesus geschrieben hat (im Westen der heutigen Türkei). Das ist aber ganz unwahrscheinlich – und das vor allem aus zwei Gründen: In den wichtigsten Handschriften fehlen in Epheser 1,1 die Worte „in Ephesus“, es fehlt also die Empfängerangabe, der Adressat. (Wer sich für die Biblische Textforschung interessiert siehe die Anmerkung unten.) Und es gibt auch einen inhaltlichen Grund: Der Brief ist viel zu wenig persönlich, wenn er tatsächlich an eine Gemeinde geschrieben worden wäre, mit der Paulus sehr verbunden war. So können wir davon ausgehen, dass wir es hier mit einem Rundbrief an viele Gemeinden in einer Region zu tun haben. Und deswegen finden wir auch so viele grundlegende Aussagen über Gemeinde und hier über Gemeindeleitung.

 

Wenden wir uns also dem Vers 11 zu: Und Christus setzte die einen als Apostel ein, andere als Propheten, andere als Evangelisten, andere als Hirten und Lehrer. Wenn wir das so lesen, könnte man schließen, es wären konkrete Ämter, von denen hier die Rede ist. Dann müsste es in einer Gemeindeleitung den oder die Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten, Lehrer geben. Konsequent weitergedacht würde es bedeuten, dass in dem Leitungsorganigramm der Gemeinde diese Ämter mit Personen benannt werden. Wer ist denn der Apostel oder  die Prophetin in eurer Gemeinde? Es mag Gemeinden geben, die das so umsetzen, aber es würde sicher nicht unserer Gemeindewirklichkeit entsprechen. Wahrscheinlich trifft es auch nicht so ganz, worum es Paulus hier gegangen ist.

Es ist wesentlich sinnvoller, von Begabungen zu sprechen, also von apostolisch, prophetisch, evangelistisch usw. begabten Leuten in einem Leitungsteam. Das vermeidet eine gewisse Überbetonung und bringt die Freiheit, solche Begabungen als Dienstschwerpunkte zu sehen und sie dann auch noch beliebig kombinieren zu können. Ich gehe jedenfalls davon aus, dass es nicht nur mir so geht: Würde ich zum Beispiel in Anspruch nehmen, „der Apostel“ unserer Gemeinde zu sein, dann käme das mir – und sicher nicht nur mir – als ziemlich anmaßend und überheblich vor. Wenn wir aber danach fragen, was eine apostolische Begabung ausmacht, und wer diesen Dienstschwerpunkt in der Gemeindeleitung haben könnte, dann klingt das schon etwas entspannter und lebensnäher.

 

Und diesen Weg wollen wir weiter beschreiten: Wir überlegen uns, wie eine entsprechende Begabung im Rahmen der Leitung von Gemeinde aussehen könnte. Es geht also nicht darum, Ämter zu benennen, damit sich der eine oder die andere einen gewichtigen Titel ans Revers heften kann. Sondern wir wollen die unterschiedliche Dienstschwerpunkte mit Stärken und Schwächen in einem Leitungsteam ausmachen. Doch davon demnächst mehr.

 

Ich möchte uns für diesen Tag ermutigen. Wir können beten, liebevoll miteinander umgehen und anderen helfen, wo Hilfe gebraucht wird. So können wir Gemeinde leben – auch in diesen ungewöhnlichen Zeiten – mit den Begabungen, die uns Jesus mit auf den Weg gegeben hat.

 

Pastor Axel Schlüter

 

 

Epheser 4,11-16 (Einheitsübersetzung)

11     Und Christus setzte die einen als Apostel ein, andere als Propheten, andere als Evangelisten, andere als Hirten und Lehrer,

12     um die Heiligen für die Erfüllung ihres Dienstes zuzurüsten, für den Aufbau des Leibes Christi,

13     bis wir alle zur Einheit im Glauben und der Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen, zum vollkommenen Menschen, zur vollen Größe, die der Fülle Christi entspricht.

14     Wir sollen nicht mehr unmündige Kinder sein, ein Spiel der Wellen, geschaukelt und getrieben von jedem Widerstreit der Lehrmeinungen, im Würfelspiel der Menschen, in Verschlagenheit, die in die Irre führt.

15     Wir aber wollen, von der Liebe geleitet, die Wahrheit bezeugen und in allem auf ihn hin wachsen. Er, Christus, ist das Haupt.

16     Von ihm her wird der ganze Leib zusammengefügt und gefestigt durch jedes Gelenk. Jedes versorgt ihn mit der Kraft, die ihm zugemessen ist. So wächst der Leib und baut sich selbst in Liebe auf.

 

COPYRIGHT

Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, vollständig durchgesehene und überarbeitete Ausgabe© 2016 Katholische Bibelanstalt, Stuttgart

BasisBibel. Neues Testament und Psalmen, © 2012 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart: www.basisbibel.de

 

Anmerkung zur Entstehung der Bibel:

      Wir haben die originalen Bibeltexte nicht in nur einer fertigen Version überliefert bekommen, sondern in tausenden von Textteilen – angefangen von kleinen Schnipseln bis hin zu vollständigen Büchern. Und die Aufgabe der Wissenschaft besteht darin, diese Texte nicht nur zu sammeln und sie zu datieren und einzuordnen. Sondern an vielen Stellen muss man sich auch entscheiden, welche Version man für die wahrscheinlich originalere hält. Wer sich dafür interessiert, findet hier eine anschauliche Erklärung der Deutschen Bibelgesellschaft: Biblische Textforschung.

 

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