· 

Epheser 4,14-15

Wir lesen heute Epheser 4,11-16 (BasisBibel);
der ganze Text ist wieder unten angehängt:

Paulus schreibt:

14   Denn wir sollen nicht mehr wie unmündige Kinder sein –
ein Spielball von Wind und Wellen im Meer zahlreicher Lehren.
Sie sind dem falschen Spiel von Menschen ausgeliefert,
die sie betrügen und in die Irre führen.

15  Dagegen sollen wir an der Wahrheit festhalten
und uns von der Liebe leiten lassen.
So wachsen wir in jeder Hinsicht dem entgegen,
der das Haupt ist: Christus.
 

Auch zum Anhören 

oder im Festnetz

unter 089 45461404.


In dieser Woche schauen wir uns das vierte Kapitel vom Epheserbrief etwas genauer an. Wir nehmen Gemeinde wahr als eine geistliche Wirklichkeit (Leib Christi) inmitten dieser Zeit und Welt. Und wir fragen nach der Aufgabe der Leitung von Gemeinde (beziehungsweise von Gruppen oder Arbeitskreisen) – unter dem Stichwort „bevollmächtigende Leitung“. Gestern haben wir gelesen, dass die Leitung laut Paulus dazu da ist, die Geschwister zu schulen, und dass darin die Gemeinde aufgebaut wird (Vers 12).

 

Nun können wir weiterfragen: Warum spielt Schulung eigentlich eine so große Rolle? In unserem heutigen Ausschnitt in Vers 14 lesen wir die Begründung: Es geht um Mündigkeit von jedem einzelnen Nachfolger und jeder einzelnen Nachfolgerin Jesu. „Mündigkeit“ ist heutzutage zuerst einmal ein Begriff der Juristerei; da geht es um Volljährigkeit, Geschäftsfähigkeit, Strafmündigkeit und so weiter. Unser Zusammenhang meint aber eher den Aspekt, der erst im 18. Jahrhundert im Zuge der Aufklärung seinen Siegeszug angetreten hat. An dieser Stelle „muss“ man den Philosophen Immanuel Kant zitieren, der in seiner Schrift Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? (1784) einige berühmt gewordene Sätze geschrieben hat. (Und ich bitte auch gleich um Entschuldigung, dass seine Sprache nicht so ganz unserem Alltagsdeutsch entspricht.)

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern [am Mangel] der Entschließung und des Muthes liegt, sich seiner [des Verstandes] ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“

Die Aufklärung, dass also Menschen geschult und ermutigt werden, sich selbst eine Meinung zu bilden, musste sich leider in weiten Teilen gegen die Kirchen durchsetzen. Und in diesem Zusammenhang lohnt sich noch ein weiteres, äußerst ironisches Zitat von Kant: „Daß der bei weitem größte Teil der Menschen (darunter das ganze schöne Geschlecht) den Schritt zur Mündigkeit … für sehr gefährlich halte: dafür sorgen schon jene Vormünder, die die Oberaufsicht über sie gütigst auf sich genommen haben.“ Das heißt übersetzt: Die Mächtigen sorgen ganz fürsorglich dafür, dass die Unmündigen – besonders die Frauen – möglichst die Angst vor Mündigkeit behalten. Ihnen wird eingeredet, dass der Gebrauch des eigenen Verstandes mühsam und gefährlich wäre. Leider ist das bis heute in weiten Teilen unserer Welt so geblieben: Mündigkeit – besonders die von Mädchen und Frauen – ist eine Bedrohung für die Herrschenden. Das gilt für Politik, Religionen, Kultur, Gesellschaften, Familien.

 

Die Bibel ist immer auch Teil ihrer Zeit und Welt; und in vielen Aussagen spiegelt sich die Kultur, in der die Autoren damals zu Hause waren. Das sollte uns also nicht wundern. Viel erstaunlicher sind dagegen die Aussagen, wo etwas gesagt wird, was das damalige Verständnis sprengt, das weit über das hinaus reicht, was damals üblich war. Darin offenbart sich wahrhaftig der Wille Gottes. Unser heutiger Abschnitt im Epheserbrief hat so eine Sprengkraft. Paulus schränkt die Mündigkeit eben nicht auf die damals dafür vorgesehenen Leute ein: also ausschließlich Männer, dann Wohlhabende, und schließlich Einheimische, Bürger der Stadt. Sondern es gilt auch hier mit Nachdruck Galater 3,28: „Es spielt keine Rolle mehr, ob ihr Juden seid oder Griechen, unfreie Diener oder freie Menschen, Männer oder Frauen. Denn durch eure Verbindung mit Christus Jesus seid ihr alle wie ein Mensch geworden.

Alle in der Gemeinde sollen den gleichen Zugang zu Bildung bekommen, alle sollen gleich geschult werden, allen wird zugebilligt, sich eine geistliche Meinung zu bilden. Niemand soll den Irrlehrern schutzlos ausgeliefert sein! Darin zeigt sich das grundlegende Verständnis, das Paulus vom Heiligen Geist hat: Wenn Gottes Geist unterschiedslos in jedem Gläubigen Wohnung nimmt (Römer 5,5; 1. Korinther 6,19), dann sollten wir uns vor jeglicher Diskriminierung hüten. Bis heute meinen manche Christen, sie müssten Frauen (oder in einigen Ländern auch Menschen anderer Hautfarbe) den Zugang zu Bildung und damit auch zu bestimmten Diensten in der Gemeinde verwehren. Das ist aber nicht nur „eine Meinung, die man respektieren müsste“; nein, das widerspricht zutiefst dem Evangelium!

Wenn wir gemeinsam zu Christus hinwachsen wollen, der das Haupt ist, dann geht das nur im Miteinander von der Wahrheit des Evangeliums, die von der Liebe geleitet wird (Vers 15). Wahrheit und Liebe schließen sich nicht gegenseitig aus, sie gehören untrennbar zusammen. Das liegt daran, dass unser Herr Jesus Christus, dem wir folgen und von dem wir uns leiten lassen, die Wahrheit und die Liebe in Person ist.

 

Ich möchte uns für diesen Tag ermutigen. Wir können beten, liebevoll miteinander umgehen und anderen helfen, wo Hilfe gebraucht wird. Wir wollen einander achten und fördern. Wir brauchen keine Angst davor zu haben, dass Information oder Bildung schaden könnte. Im Gegenteil: Wir vertrauen auf den Heiligen Geist im Bruder, in der Schwester, weil wir gemeinsam auf Christus hin wachsen wollen.

 

 

Pastor Axel Schlüter

 

Epheser 4,11-16 (BasisBibel)

11     Und Christus war es auch, der jedem seine Gaben geschenkt hat: Die einen hat er zu Aposteln gemacht. Andere zu Propheten oder zu Verkündern der Guten Nachricht. Und wieder andere zu Hirten oder Lehrern.

12     Deren Aufgabe ist es, die Heiligen für ihren Dienst zu schulen. So soll der Leib von Christus aufgebaut werden.

13     Am Ende sollen wir alle vereint sein im Glauben und in der Erkenntnis des Sohnes Gottes. Wir sollen zu vollendeten Menschen werden und reif genug, Christus in seiner ganzen Fülle zu erfassen.

14     Denn wir sollen nicht mehr wie unmündige Kinder sein – ein Spielball von Wind und Wellen im Meer zahlreicher Lehren. Sie sind dem falschen Spiel von Menschen ausgeliefert, die sie betrügen und in die Irre führen.

15     Dagegen sollen wir an der Wahrheit festhalten und uns von der Liebe leiten lassen. So wachsen wir in jeder Hinsicht dem entgegen, der das Haupt ist: Christus.

16     Von ihm her wird der ganze Leib zusammengefügt und zusammengehalten durch alle stützenden Sehnen. Dabei erfüllt jedes einzelne Teil seine Aufgabe – entsprechend der Kraft, die ihm zugeteilt ist. So wächst der ganze Leib heran, bis er durch die Liebe aufgebaut ist.

 

COPYRIGHT

 

BasisBibel. Neues Testament und Psalmen, © 2012 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart: www.basisbibel.de

Kommentar schreiben

Kommentare: 0