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1. Korinther 15,29

Wir lesen heute in der ökumenischen Bibellese 1.Korinther 15,29-34;
der ganze Text findet sich wieder unten angehängt.

29  Wenn das alles nicht zutrifft:
Was machen dann eigentlich diejenigen von euch,
die sich stellvertretend für die Verstorbenen taufen lassen?
W
enn die Toten gar nicht auferweckt werden,
wozu lässt man sich dann für sie taufen?

Auch zum Anhören 

oder im Festnetz

unter 089 45461404.


 

„We skipped the light fandango / turned cartwheels 'cross the floor / I was feeling kinda seasick / but the crowd called out for more“ – die meisten werden sofort erkennen, aus welchem Lied diese Textzeile stammt. Und alle anderen werden es kennen, wenn sie es im Radio hören: A Whiter Shade of Pale von Procul Harum. Das kennt man; es wurde allein über 700 Mal gecovert, also von anderen Musikern nachgespielt. Das Original hier. Für alle, die es eher mit Johann Sebastian Bach halten: Die Orgellinie soll sich an seiner Musik und Kompositionstechnik orientieren. Vielleicht ist es deswegen so ein Ohrwurm.

Zwei Dinge sind nun erstaunlich: Zunächst weiß niemand, was der Text dieses Liedes bedeuten soll. Selbst die Autoren sind sich uneinig. Die wahrscheinlichste Erklärung ist, dass sie 1967(!) ziemlich zugekifft waren, als sie die Liedzeilen gedichtet haben. Und dennoch transportiert dieses Lied eine enorme Stimmung zwischen Verlorenheit und trotzdem irgendwie Zuversicht. Nicht umsonst war es von der Veröffentlichung an so erfolgreich. Da wurde ein Nerv getroffen.

 

Warum erzähle ich uns das? Nun, mit unserem heutigen Bibelwort ist es so ähnlich. Auch da weiß niemand so genau, worum es eigentlich geht, und trotzdem hat es eine enorme Wirkungsgeschichte. Die Sache, die hier von Paulus angesprochen wird, nennt man Vikariatstaufe oder Totentaufe. Vom offensichtlichen Wortlaut her spielt er darauf an, dass sich wohl in der Gemeinde in Korinth einige Leute für Verstorbene haben taufen lassen. Warum sie das getan haben könnten, ist völlig unklar.

Keineswegs unklar ist, was dieser Bibelvers bewirkt hat. In der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, also bei den Mormonen, ist es ein Grundpfeiler ihrer Religion, dass man sich für die Verstorbenen taufen lässt. Und damit niemand übersehen wird, haben sie der Welt beste Ahnenforschungsdatenbank aufgebaut. Sie nennt sich „Family Search“ mit mehreren Milliarden Datensätzen und lagert – ohne irgendwelche Transparenz – in ihrer Hauptstadt Salt Lake City in Utah, USA. Und auch in der Neuapostolischen Kirche gibt es das so genannte Entschlafenenwesen, wo neben dem Gebet für die Verstorbenen auch die Wassertaufe eine wichtige Rolle spielt.

 

Wenn wir uns aber allein dem Bibelwort zuwenden, ist diese Auswirkung erstaunlich und wieder ein Beleg dafür, dass selbst die abwegigsten Bibelstellen zur Grundlage ganzer Religionsgemeinschaften werden können. Der Zusammenhang im Kontext des Kapitels 15 ist eindeutig: Die Korinther behaupten, dass es keine leibliche Auferstehung der Toten geben wird (Vers 12). Und Paulus versucht ihnen nun mit vielen Argumenten deutlich zu machen, welche Folgerungen diese Aussage für den Glauben hat. Und an dieser Stelle überführt er sie einfach nur einer fehlenden Logik: Wenn es keine Auferstehung der Toten geben wird, wenn die Verstorbenen also einfach nur tot sein sollen, warum lassen sich dann einige für sie taufen? Das ist dann doch völlig sinnlos.

Nun gibt es das Problem, dass Paulus diese Praxis völlig ohne eine Wertung anspricht. Er sagt nur, dass sie das so machen, beurteilt es aber nicht. Hat er etwa damit dieses Tun auch akzeptiert? Sollten wir es als fromme bibeltreue Gemeinde übernehmen? Gibt es vielleicht einen tieferen geistlichen Sinn, den wir nur noch nicht erkannt haben?

 

Nun gibt es ja dankenswerterweise nicht nur diese Bibelstelle zur Taufe. Und dass wir uns stellvertretend für die Verstorbenen taufen lassen, damit sie vielleicht doch noch in der Ewigkeit ankommen, das widerspricht nun doch allen anderen Aussagen – sowohl zur Taufe als auch zur Rettung. Und weil Paulus das doch eigentlich gar nicht so wertneutral gemeint haben kann, gibt es unzählige Versuche, diesen Versen einen anderen Sinn einzuhauchen. In einem Kommentar habe ich gelesen, dass jemand über 200 Übersetzungsvorschläge aufgelistet hat, die im Laufe der Geschichte dazu versucht wurden. Im Altgriechischen, in dem das Neue Testament im Original geschrieben wurde, ist die Worttrennung, Satzeinteilung und Zeichensetzung nicht so eindeutig wie im Deutschen. Das ergibt dann einen gewissen Spielraum.

Doch die wahrscheinlichste Variante der Übersetzung bleibt die, die erst einmal ohne große Kunstgriffe auskommt. Paulus nennt hier im Rahmen seiner Argumentation die Übung der Taufe für die Verstorbenen, ohne sie an sich zu werten. Weil es ihm darauf gar nicht ankommt. Hätten die Korinther ihn gefragt: Sollen wir uns für die Verstorbenen taufen lassen?, dann wäre ihm sicher noch einiges dazu eingefallen. Und ich gehe eher davon aus, dass Paulus gesagt hätte: Was soll der Unsinn?

 

Was könnte das für uns bedeuten? Vielleicht finden wir darin einen Hinweis, dass man sich gut überlegen sollte, worüber zu streiten sich eigentlich lohnt. Paulus hätte hier groß einsteigen können und den Korinthern beweisen, dass diese Praxis der Taufe für die Verstorbenen Unsinn ist. Das hätte aber von dem Eigentlichen abgelenkt: Es geht um die Auferweckung Jesu und was die für uns Menschen bedeutet. Es geht um die leibliche Auferstehung der Toten. Das ist wichtig, darüber muss gestritten werden. Das andere ist vielleicht später mal dran.

 

Wenn wir als Christen, als Nachfolgerinnen und Nachfolger Jesu im Gespräch sind, dann wird es so manches geben, das uns beim anderen wundert. Innerhalb der Gemeinde und noch mehr im Kontakt mit Christen anderer Konfessionen. Da verstehen wir so manches nicht und halten auch etliches mit guten Gründen für verkehrt. Doch können wir die innere Weite aufbringen, dass wir uns in dem finden, was zentral und entscheidend ist? Dass wir unserem Herrn Jesus Christus nachfolgen, uns ihm anvertrauen, zum Glauben gekommen sind? Und können wir von dieser Mitte her eine große Gelassenheit entwickeln, was die vielen anderen wichtigen und vielleicht nicht so wichtigen Fragen angeht?

Ich glaube dir deinen Glauben an Jesus Christus – auch wenn ich dir in diesen oder jenen Aussagen nicht zustimmen kann. Paulus scheint diese Weite gehabt zu haben. An anderer Stelle, wenn es um die zentrale Mitte des Evangeliums geht, da war er überhaupt nicht kompromissbereit. Siehe den Galaterbrief gleich zu Beginn. Aber sonst hat er doch zu einer großen Gelassenheit gefunden.

 

Ich möchte uns für diesen Tag ermutigen. Wir können beten, liebevoll miteinander umgehen und anderen helfen, wo Hilfe gebraucht wird. Und wir dürfen uns mit Gelassenheit beschenken lassen. Bei unserem Streiten wird es selten um tiefgreifende Fragen des Glaubens gehen – aber die Frage, ob sich dieser Streit lohnt, hilft vielleicht auch bei den kleinen Auseinandersetzungen des Alltags.

 

Pastor Axel Schlüter

 

1.Korinther 15,29-34 (BasisBibel)

29     Wenn das alles nicht zutrifft: Was machen dann eigentlich diejenigen von euch, die sich stellvertretend für die Verstorbenen taufen lassen? Wenn die Toten gar nicht auferweckt werden, wozu lässt man sich dann für sie taufen?

30     Und wir? Wofür begeben wir uns jede Stunde neu in Lebensgefahr?

31     Täglich setze ich mein Leben aufs Spiel, liebe Brüder und Schwestern – so wahr ihr durch Christus Jesus, unseren Herrn, mein ganzer Stolz seid.

32     In Ephesus habe ich wie nur je ein Mensch gekämpft, als ginge es um mein Leben. Was nützt mir das? Wenn die Toten nicht auferweckt werden, dann »lasst uns essen und trinken! Denn morgen sind wir tot!«

33     Lasst euch nicht täuschen: »Schlechter Umgang verdirbt gute Sitten!«

34     Kommt endlich wieder auf den Boden, wie es sich gehört, und ladet keine Schuld auf euch! Zu eurer Schande muss ich sagen: Einige von euch kennen Gott wirklich nicht!

 

 

BasisBibel. Neues Testament und Psalmen, © 2012 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart: www.basisbibel.de

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