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Lukas 23,46

Heute möchte ich uns noch ein letztes der Worte Jesu am Kreuz nennen, Lukas 23,46; den Textzusammenhang findest du wieder unten angehängt:

»Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.«

 

Nach diesem letzten Wort beziehungsweise letzten Tun war Jesus tot. In  Johannes 19,30 ist dieser Vorgang indirekt beschrieben: „Als nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht! Und er neigte das Haupt und übergab den Geist.“ Was deutlich wird: Jesus ist bis zum Schluss der Handelnde. Auch wenn Menschen Mitverantwortung am Verrat und Tod Jesu haben, letztlich bleibt Gott selbst in Christus der Akteur. Gott versöhnte die Welt mit sich selbst. (2. Korinther 5,18-21)

Was aber war dann? Jesus ist tot und wird am Ostermorgen auferweckt werden. Was aber war in der Zwischenzeit? Diese Frage, was Jesus (seine Seele, sein Geist) in dieser Todeszeit getan hat, beschäftigte die Christen von Anfang an. Ein Widerhall davon findet sich im Apostolischen Glaubensbekenntnis; wer es mitspricht, bekennt dort: Ich glaube an Jesus Christus „hinabgestiegen in das Reich des Todes“. Was hat es damit auf sich?

 

Zuerst kann ich – so meine ich wenigstens – feststellen, dass mit diesem Teil die wenigsten evangelischen Christen etwas anfangen können. Und ich schließe mich da voll ein. In der Theologie spricht man von dem Abstieg Christi in die Unterwelt (lat. Descensus Christi ad inferos), volkstümlich unter der Höllenfahrt Christi bekannt.

Und wenn man sich damit näher beschäftigt, wird man zuerst überrascht feststellen, dass dieser Teil zwischen Karfreitag und Ostern für die orthodoxen Kirchen eine große Rolle spielt. Das Gegenstück zu seiner Auferstehung (griech. Anastasis) ist sein Hinabsteigen (Katabasis) in das Reich des Todes (Hades). Im östlichen orthodoxen Christentum wird besonders Jesus Christus als der Allherrscher (griech. Pantokrator) verehrt. Und mit der Höllenfahrt verbindet sich der Glaube, dass Jesus in der Totenwelt seinen Sieg über den Tod und den Teufel verkündet hat. Er hat damit auch dort seine Herrschaft angetreten, so dass er jetzt Herr über alle Welten ist.

In der westlichen römisch-katholischen Kirche geht es nicht zuerst um die Herrschaft Jesu, sondern eher darum, dass er den verstorbenen Seelen im Fegefeuer (Purgatorium) die Erlösung predigt. Das Fegefeuer ist ja so eine Art Zwischenstation für die Verstorbenen, gerne auch ein Ort der Läuterung und Reinigung.

Und daraus wurde dann in der Neuzeit die Ansicht entwickelt, dass Jesus in dieser Zwischenzeit allen verstorbenen Menschen eine Chance gibt, sich für ihn zu entscheiden. Die Frage schwebt ja im Raum, was eigentlich mit den Menschen geschieht, die weder vor Jesu Erdendasein noch anschließend das Evangelium von seinem Kreuz und der Auferstehung hören konnten bzw. gehört haben. Es kann doch nicht angehen, dass die auf ewig verloren gehen – schuldlos, weil sie gar keine Möglichkeit hatten, sich für Jesus zu entscheiden.

Und noch einen Schritt weiter gehen manche Ausleger, indem sie feststellen, dass Jesus durch seinen Abstieg in das Reich des Todes alle Menschen erlöst hat. Das wird dann gerne mit dem Begriff „Allversöhnung“ benannt.

 

Wir merken: Einige dieser Ansichten sind für uns ungewohnt. Manche finden wir auch bedenklich bis etwas absonderlich. Aber wir merken auch, dass mit der Frage, was eigentlich mit Jesus zwischen Karfreitag und Ostern passiert ist, viele nachdenkenswerte Themen angeschnitten werden. Was geschieht eigentlich nach dem Tod? Gibt es ein Totenreich? Was geschieht mit den Menschen, die nie mit Jesus in Kontakt gekommen sind? Was bedeutet es, dass Jesus die Sünde, den Tod und den Teufel besiegt hat? Gibt es doch ein Weiterleben der Seele nach dem Tod?

Nun könnten wir als bibeltreue Christen ja auf die Idee kommen, in die Bibel zu schauen, was die da eigentlich zu dem Thema sagt. Was grundsätzlich immer eine gute Idee ist, führt uns hier aber nicht viel weiter. Biblisch gesehen begeben wir uns auf sehr dünnes Eis. Genau genommen gibt es nur zwei Bibelstellen, die sich überhaupt mit dem Thema im engeren Sinne beschäftigen (wobei das noch nicht einmal sicher ist).

Epheser 4,8-10: „Deshalb heißt es: Jesus Christus stieg hinauf zur Höhe und erbeutete Gefangene, er gab den Menschen Geschenke. Wenn es heißt: Er stieg aber hinauf, was bedeutet dies anderes, als dass er auch zur Erde herabstieg? Derselbe, der herabstieg, ist auch hinaufgestiegen über alle Himmel, um das All zu erfüllen.“ Ein sehr weit und unterschiedlich interpretierbares Bibelwort.

1. Petrus 3,18-20: „Denn auch Christus ist der Sünden wegen ein einziges Mal gestorben, ein Gerechter für Ungerechte, damit er euch zu Gott hinführe, nachdem er dem Fleisch nach zwar getötet, aber dem Geist nach lebendig gemacht wurde. In ihm ist er auch zu den Geistern gegangen, die im Gefängnis waren, und hat ihnen gepredigt. Diese waren einst ungehorsam, als Gott in den Tagen Noachs geduldig wartete, während die Arche gebaut wurde; in ihr wurden nur wenige, nämlich acht Menschen, durch das Wasser gerettet.“ Hier kommt zwar vor, dass Jesus den „Geistern“ im Gefängnis (Totenreich?) gepredigt hat. Aber wortwörtlich gilt das nur für die Menschen, die durch die Sintflut umgekommen sind.

 

Wir könnten also unterm Strich festhalten: Nichts Genaues weiß man nicht, es tut sich ein weites Feld der Ideen, Ansichten und Interpretationen auf. Gut, dass morgen Ostern ist, da weiß man wenigstens, was man hat. Nun, ich selbst will einen Gedankenanstoß mitnehmen, der auch für meinen Glauben Auswirkungen haben kann. Mir gefällt die Aussage, dass Jesus überall seine Herrschaft verkündet und damit auch aufgerichtet hat – auch im Reich des Todes oder der Toten. Ohne jetzt genauer wissen zu können, was das eigentlich ist.

Ich möchte das aber mit Kolosser 1,15-20 in Verbindung bringen und so Jesus Christus als den Allherrscher über alle Zeiten und Welten loben.

15     Jesus Christus ist das Bild des unsichtbaren Gottes, der zuerst Geborene – noch vor der ganzen Schöpfung.

16     Denn durch seine Gegenwart wurde alles geschaffen, im Himmel und auf der Erde, das Sichtbare und das Unsichtbare – ob Throne oder Herrschaftsbereiche, ob Mächte oder Gewalten. Alles wurde durch ihn geschaffen, und alles hat in ihm sein Ziel.

17     Er ist vor allem da, und durch seine Gegenwart hat alles Bestand.

18     Und er ist das Haupt des Leibes – der Gemeinde. Er ist der Anfang: Der erste der Toten, der neu geboren wurde, damit er in jeder Hinsicht der Erste ist.

19     Denn Gott hatte beschlossen, mit der ganzen Fülle seiner Kraft in ihm gegenwärtig zu sein.

20     Und er wollte, dass alles durch ihn Versöhnung erfährt, um in ihm zum Ziel zu kommen. Denn er hat Frieden gestiftet durch das Blut, das er am Kreuz vergossen hat. Ja, durch ihn wurde alles versöhnt – auf der Erde wie im Himmel.

 

Ich möchte uns für diesen Tag ermutigen. Wir können beten, liebevoll miteinander umgehen und anderen helfen, wo Hilfe gebraucht wird. Wir dürfen uns gehalten wissen von Jesus Christus, dem Allherrscher, dem Herrn über unser eigenes Leben, über das unserer Lieben und letztlich der ganzen sichtbaren und unsichtbaren Welt.

 

Pastor Axel Schlüter

 

Lukas 23,44-49 (Einheitsübersetzung)

44     Es war schon um die sechste Stunde, als eine Finsternis über das ganze Land hereinbrach – bis zur neunten Stunde. 

45     Die Sonne verdunkelte sich. Der Vorhang im Tempel riss mitten entzwei.

46     Und Jesus rief mit lauter Stimme: Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist. Mit diesen Worten hauchte er den Geist aus.

47     Als der Hauptmann sah, was geschehen war, pries er Gott und sagte: Wirklich, dieser Mensch war ein Gerechter. 

48     Und alle, die zu diesem Schauspiel herbeigeströmt waren und sahen, was sich ereignet hatte, schlugen sich an die Brust und gingen weg. 

49     Alle seine Bekannten aber standen in einiger Entfernung, auch die Frauen, die ihm von Galiläa aus nachgefolgt waren und die dies mit ansahen.

 

Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, vollständig durchgesehene und überarbeitete Ausgabe© 2016 Katholische Bibelanstalt, Stuttgart Alle Rechte vorbehalten.

BasisBibel. Neues Testament und Psalmen, © 2012 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart: www.basisbibel.de

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