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Markus 15,34

Heute möchte ich uns ein weiteres der Worte Jesu am Kreuz nennen, Markus 15,34 (so auch Matthäus 27,46; Psalm 22,2); den Textzusammenhang findest du wieder unten angehängt:

»Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?«

 

Wo ist eigentlich der Unterschied zwischen Alleinsein und Einsamkeit? Nun, jemand kann äußerlich allein sein und dabei innerlich zufrieden. Man kann aber auch zu zweit oder in Gesellschaft einsam sein, innerlich betrübt oder verzweifelt. Diese Tage des Social Distancing sind für alle schwierig und herausfordernd. In manchen Familien – oder vielleicht auch Partnerschaften – bringt das andauernde Aufeinanderhocken erheblichen Sozialstress. Es fehlen die Zeiten für sich allein, die nötigen Rückzugsorte.

Andere würden sich so etwas wünschen, weil zu ihrem Alleinsein jetzt auch noch Isolation kommt. Auch zu normalen Zeiten ist es gerade so auszuhalten: Frau/Mann trifft wenigstens tagsüber Arbeitskollegen, geht in einen Verein, tummelt sich in Partys oder Konzerten. Und auch die Gemeinschaft in der Gemeinde hat da eine wichtige Funktion gegen das Alleinsein. Doch das fällt im Moment alles weg. Vielleicht nicht ganz: Immerhin lässt sich durch Telefon und vor allem Videochat die Distanz etwas aufheben.

 

Natürlich gibt es auch eine positive Form von Einsamkeit. Jesus hat sich immer wieder einmal vom Trubel des Alltags zurückgezogen, um in der Ruhe des Alleinseins, in der Einsamkeit besser mit seinem Vater im Himmel im Gespräch sein zu können (z. B. Lukas 6,12). Leo Tolstoi soll mal geschrieben haben: „Je einsamer jemand ist, desto deutlicher hört er die Stimme Gottes.“ Die geistliche Übung des Alleinseins, der Einsamkeit, um Gottes Stimme zu hören, ist sehr verbreitet und sinnvoll.

Aber darum geht es hier nicht, sondern es ist die schmerzliche Einsamkeit gemeint, die weh tut, die einen Menschen nicht aufbaut, sondern zerstören will. Einsamkeitsgefühle können die Vorstufe zu einer Depression darstellen oder das Tor für Süchte werden wie Alkoholismus, durch die diese Gefühle gemildert oder übertönt werden sollen. Das Verhängnisvolle daran ist, dass solche „Lösungsstrategien“ eher dazu führen, dass sich die Einsamkeit verstärkt.

 

Das subjektive Gefühl der Einsamkeit steht zwar mit dem objektiven Zustand des Alleinseins in Beziehung, es gibt aber keinen zwingenden Zusammenhang. Man kann in Gesellschaft einsam oder für sich allein mit sich und der Welt zufrieden sein. Das Gefühl der Einsamkeit hat viel mit der inneren Verfassung eines Menschen zu tun. Im weiteren Sinne geht es um die Resilienz eines Menschen: Wie komme ich auch alleine klar, wie sehr bin ich von anderen Menschen abhängig?

 

Wie nun kann der Glaube in diesem Zusammenhang helfen? Spielt er da überhaupt eine Rolle?

Einige Antwortversuche:

Ganz praktisch bedeutet Gemeinde, dass eine Nachfolgerin, ein Nachfolger Jesu in ein Netzwerk von Beziehungen eingebunden ist. Dieses Netzwerk ist nicht nur ein Wunsch, sondern erst einmal eine geistliche Wirklichkeit. Wir sind der Leib Christi, ein lebendiger Organismus. Das muss natürlich hinein ins Leben kommen, erfahrbar im Alltag werden. In diesen Tagen kann ich immer wieder nur dazu ermutigen, zum Telefonhörer oder zum Smartphone oder PC zu greifen, um jemanden anzurufen. Und vielleicht das Wagnis einzugehen, jemanden in dieser Weise zu besuchen, den/die man noch gar nicht richtig kennt. Und das darf keine Einbahnstraße sein, dass also manche nur erwarten, angerufen zu werden. Und andere müssen dann bitteschön dieser Erwartung entsprechen. Nein, „wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus“ – das gilt auch hier.

Nun gehört zu unserer geistlichen Resilienz, dass wir nicht nur auf uns selbst gestellt sind, sondern dass der Geist Gottes in uns wohnt. Auch das ist eine Wirklichkeit, die unser Leben bestimmt bzw. bestimmen kann. Jesus spricht gerade im Johannesevangelium davon, wie uns der Heilige Geist mit Gott dem Vater und dem Sohn verbindet. Und seine Aufgabe ist trösten, auferbauen, ermutigen. Auch das wird konkret, indem wir Jesus darum bitten, dass er uns mit seinem Geist erfüllt.

 

Doch schließlich das Wichtigste: Warum sollte Jesus uns durch seinen Geist innerlich auferbauen können, trösten, ermutigen in unserem Alleinsein? Warum kann er uns in der Einsamkeit besuchen und schwere Gefühle abmildern oder ganz beseitigen? Weil Jesus mit unseren Schwachheiten mitleiden kann (Hebräer 4,15). Das hat mit unserem heutigen Wort am Kreuz zu tun.

Wir glauben, dass Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist von Ewigkeit her in Liebe verbunden sind. Bevor irgendetwas geschaffen wurde, bevor es Zeit oder Materie gab, da hat sich Gott schon in sich selbst geliebt. Aus dieser Liebe ist alles entstanden, sind letztlich wir Menschen für die Beziehung zu Gott geschaffen. Deswegen geht es immer um Beziehungen und um Liebe.

Nun Jesus ruft am Kreuz aus: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« In diesem Schmerzensschrei wird deutlich, was Sünde bedeutet, dass Jesus die Sünde der Welt trägt: Er empfindet in einer Weise Einsamkeit, die wir nur ansatzweise verstehen können. Jesus, der immer mit dem Vater in der Gemeinschaft der Liebe war, erträgt die Trennung von Gott, trägt die Sünde dieser Welt (Johannes 1,29). Weil Jesus uns Menschen über alles liebt, geht er in die Einsamkeit der Gottestrennung!

Und deswegen kann uns nichts mehr von dieser Liebe Gottes trennen (Römer 8,38-39). Das ist mehr als ein positives Denken, das ist die Wirklichkeit Jesu in unserem Alleinsein. Auch wenn du dich einsam fühlst – und dieses Gefühl ist real; Gefühle sind wertfrei erst einmal so, wie sie sind –, kannst du wissen: Jesus ist da. Und er leidet mit deiner Einsamkeit, er versteht dich ganz und gar, weil er die brutalste Einsamkeit erlebt hat, die jemals jemand tragen musste. Weil er dich liebt.

 

Ich möchte uns für diesen Tag ermutigen. Wir können beten, liebevoll miteinander umgehen und anderen helfen, wo Hilfe gebraucht wird. Wir müssen uns nach wie vor an die Regeln der Ausgangsbeschränkungen halten. Um unserer selbst und anderer Menschen willen. Doch wir brauchen in Christus nicht einsam sein – egal, ob wir allein sind oder nicht.

 

Pastor Axel Schlüter

 

Markus 15,33-39 (BasisBibel)

33     Es war die sechste Stunde, da breitete sich im ganzen Land Finsternis aus. Das dauerte bis zur neunten Stunde.

34     In der neunten Stunde schrie Jesus laut: »Eloï, Eloï, lema sabachtani?« Das heißt übersetzt: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?«

35     Als sie das hörten, sagten einige von denen, die dabeistanden: »Habt ihr das gehört? Er ruft nach Elija.«

36     Einer lief hin, tauchte einen Schwamm in Essig, steckte ihn auf eine Stange und hielt ihn Jesus zum Trinken hin. Er sagte: »Lasst mich nur machen! Wir wollen mal sehen, ob Elija kommt und ihn herunterholt.«

37     Aber Jesus schrie laut auf und starb.

38     Da zerriss der Vorhang im Tempel von oben bis unten in zwei Teile.

39     Ein römischer Hauptmann stand gegenüber vom Kreuz. Er sah genau, wie Jesus starb. Da sagte er: »Dieser Mensch war wirklich der Sohn Gottes.« 

 

BasisBibel. Neues Testament und Psalmen, © 2012 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart: www.basisbibel.de

 

Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

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