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Lukas 23,39-43

Heute möchte ich uns eines der Worte Jesu am Kreuz nennen, Lukas 23,43; den Textzusammenhang findest du wieder unten angehängt:

»Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.«

 

Wenn man zu normalen Zeiten auf Münchens Straßen unterwegs ist, kann man immer wieder einmal so eigenartig bemalte BMWs sehen (in Ingolstadt, Stuttgart oder Wolfsburg wären es andere Automarken). Statt in schönstem Lack zu erstrahlen, sind sie mit wilden schwarz-weißen Mustern überklebt. Man nennt diese Autos „Erlkönige“ – nach der Ballade von Johann Wolfgang von Goethe, wo der fiebernde Junge etwas sieht, was eigentlich nicht da ist. Und so soll diese Tarnung ermöglichen, dass die neuesten Prototypen in der Öffentlichkeit getestet werden können, ohne dass über das Design zu viel verraten wird. Der Beobachter sieht schon etwas, was er eigentlich noch nicht sehen sollte und was er auch nicht richtig wahrnehmen kann.

 

So ähnlich ist das auch mit dem Reich Gottes. Theologen des letzten Jahrhunderts haben es mit der Formel „schon und noch nicht“ auf den Punkt gebracht: Das Reich Gottes, die Königsherrschaft Gottes, ist schon da, aber noch nicht vollendet. Sie hat in der Person Jesus Christus schon angefangen, wird aber erst bei seiner Wiederkunft vollendet. Und für die Zwischenzeit – zwischen Jesu Auferstehung und Himmelfahrt und seiner Wiederkunft ist „Endzeit“ – gilt es für uns als Nachfolgerinnen und Nachfolger Jesu und für uns als Gemeinde: Wir erleben immer wieder die Herrschaft Jesu in unserem Alltag, wir leiden aber auch darunter, dass sie noch nicht vollendet ist, dass diese Welt immer noch so unerlöst ist.

Und in der Geschichte von dem Verbrecher am Kreuz wird dieses „schon und noch nicht“ auf den Punkt gebracht. Wir lesen davon bei Lukas; die anderen Evangelisten schildern dieses Detail nicht. Lukas aber ist es besonders wichtig, weil sein Evangelium einen Schwerpunkt darin hat, dass Jesus sich den Armen, Ausgestoßenen und sonstigen Randfiguren der Gesellschaft zuwendet. Und diese vorbehaltlose Zuwendung Jesu wird in diesem Bericht ein letztes Mal beispielhaft deutlich.

 

Von dem Verbrecher wissen wir nichts Näheres. Er hat auf jeden Fall einiges auf dem Kerbholz, hängt dort nach seiner eigenen Erkenntnis „zu Recht“ (V.41). (Wobei natürlich niemand zu Recht am Kreuz hängt, nach unserer Überzeugung auch niemand zu Recht die Todesstrafe erleidet.) Er muss irgendwie Jesus kennengelernt haben, etwas über ihn erfahren haben. Er setzt die Lästerung seines Mitgehängten (V.39) mit fehlender Gottesfurcht gleich (V.40).

Er ist davon überzeugt, dass Jesus nichts Unrechtes getan hat. Das bedeutet mehr, als dass er lediglich einen Justizirrtum feststellt. Darum geht es hier nicht. Sondern er vertraut sich – den sicheren Tod vor Augen – Jesus an. Er wird damit zum Vorbild, was zum Glauben kommen im tiefsten Sinne bedeutet: ohne Berechnung sich Jesus anvertrauen mit dem ganzen Leben. Dieser Verbrecher hatte weder etwas vorzuweisen – im Gegenteil –, noch konnte er sich eine Besserung seiner Lage erhoffen. Er hat sich Jesus einfach nur anvertraut: »Jesus, denke an mich, wenn du in dein Reich kommst.« (Diese Bitte ist nicht ganz eindeutig zu übersetzen; falls es dich interessiert, siehe dazu unten ein paar Anmerkungen.)

 

Wir wissen nicht, was der Verbrecher unter „wenn du in dein Reich kommst“ verstanden hat. Angesichts der Situation hat er es doch wohl wahrscheinlich auf ein Leben nach dem Tod bezogen. Und so reagiert Jesus dann auch: »Amen, das sage ich dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein!« Das Wort Paradies ist ein griechisches Lehnwort, das eigentlich einen umzäunten Garten bezeichnet. So wurde im jüdischen Sprachgebrauch der Garten Eden darunter verstanden. Dieses Verständnis leuchtet auch in Offenbarung 2,7 auf. Neben diesen Bibelstellen kommt das Wort in der Bibel nur noch einmal in 2. Korinther 12,4 vor, wo Paulus davon berichtet, wie er in eine übernatürliche Welt Gottes entrückt wurde.

Wenn wir diese Aussage Jesu in das biblische Gesamtzeugnis eintragen, dann wird besonders das „Heute“ problematisch. Denn eigentlich ist sonst davon die Rede, dass es erst eine Auferstehung der Toten geben wird, wenn Jesus wiederkommt. In dieser Zwischenzeit ruhen / schlafen die Toten. In Kurzfassung gesagt. Da legen wir aber unser lineares Zeitverständnis (alles geschieht hintereinander) an die Welt Gottes an. Zeitsprünge oder Gleichzeitigkeit von gestern, heute und morgen ist nicht nur etwas für spannende Science-Fiction. Wir können ja nur erahnen, wie es in Gottes Welt zugeht – räumlich und zeitlich.

Deswegen gilt das „Heute“, das Jesus diesem Verbrecher zusagt. Und das im Übrigen auch für jeden gilt, der im Glauben an Jesus Christus verstirbt: Heute kommst du vom Glauben zum Schauen. Dies ist ein Trost im Sterben und ein Trost für die trauernden Hinterbliebenen.

 

Was kann das für uns heute bedeuten? Wir stecken mitten in einer Krise, die wir uns noch zum Jahresbeginn nicht hätten vorstellen können. Selbstverständliche Sicherheiten brechen weg. Die Zukunft wird zunehmend unsicher, worauf können wir uns noch verlassen? Da ruft uns dieser Verbrecher zum Glauben: Er hat sich mit seiner ganzen erbärmlichen Existenz vorbehaltlos Jesus anvertraut. Der Trost des Reiches Gottes war in dem Augenblick schon da, auch wenn die Vollendung noch aussteht. Jesus hat auf diese Umkehr, diese Zuwendung geantwortet mit der unbedingt Zusage der Gemeinschaft mit Gott – schon jetzt und in Ewigkeit.

Diesen Horizont wünsche ich dir und mir in allen Unsicherheiten und Fragen, die uns aktuell beschäftigen. Jesus ist da – mit uns und für uns. Wir können dazu nichts beitragen. Es ist Geschenk der Gnade. Das können wir dankbar annehmen.

 

Ich möchte uns für diesen Tag ermutigen. Wir können beten, liebevoll miteinander umgehen und anderen helfen, wo Hilfe gebraucht wird. Wir können aus der Gnade Gottes leben – und bekommen so Trost, Kraft und Zuversicht. Nicht nur für uns selbst, sondern auch noch für andere.

 

Pastor Axel Schlüter

 

Lukas 23,33-43 (BasisBibel)

33     So kamen sie zu der Stelle, die »Schädel« genannt wird. Dort kreuzigten sie Jesus und die beiden Verbrecher – den einen rechts, den anderen links von ihm.

34     Aber Jesus sagte: »Vater, vergib ihnen. Denn sie wissen nicht, was sie tun.« Die Soldaten verteilten seine Kleider und losten sie untereinander aus.

35     Das Volk stand dabei und schaute zu. Die Mitglieder des jüdischen Rates verspotteten ihn. Sie sagten: »Andere hat er gerettet. Jetzt soll er sich selbst retten, wenn er der Christus ist, den Gott erwählt hat.«

36     Auch die Soldaten trieben ihren Spott mit ihm. Sie gingen zu Jesus und reichten ihm Essig.

37     Dabei sagten sie: »Wenn du der König der Juden bist, rette dich selbst!«

38     Über Jesus war ein Schild angebracht: »Das ist der König der Juden.«

39     Auch einer der Verbrecher, die mit ihm gekreuzigt waren, verspottete Jesus. Er sagte: »Bist du nicht der Christus? Dann rette doch dich und uns!«

40     Aber der andere wies ihn zurecht: »Fürchtest du noch nicht einmal Gott? Dich hat doch dieselbe Strafe getroffen wie ihn!

41     Wir werden zu Recht bestraft und bekommen, was wir verdient haben. Aber er hat nichts Unrechtes getan!«

42     Und zu Jesus sagte er: »Jesus, denke an mich, wenn du in dein Reich kommst.«

43     Und Jesus antwortete ihm: »Amen, das sage ich dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein!«.

 

BasisBibel. Neues Testament und Psalmen, © 2012 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart: www.basisbibel.de

 

Anmerkung zur Übersetzung von V.42:

      Wir haben die originalen Bibeltexte nicht in nur einer fertigen Version überliefert bekommen, sondern in tausenden von Textteilen – angefangen von kleinen Schnipseln bis hin zu vollständigen Büchern. Und die Aufgabe der Wissenschaft besteht darin, diese Texte nicht nur zu sammeln und sie zu datieren und einzuordnen. Sondern an vielen Stellen muss man sich auch entscheiden, welche Version man für die wahrscheinlich originalere hält. Wer sich dafür interessiert, findet hier eine anschauliche Erklärung der Deutschen Bibelgesellschaft: Biblische Textforschung.

 

      Viele und wichtige Textzeugen bieten in V. 42 statt „in dein Reich“ die Lesart: »wenn du in (oder: mit) deinem Reich kommst«. Gemeint wäre dann die Wiederkunft Christi und das Erscheinen des Reiches Gottes in Herrlichkeit. Der Verbrecher würde für jenen Tag die Gnade der Auferweckung und das Geschenk des ewigen Lebens erbitten. Die Antwort von Jesus wäre noch ungeheuerlicher, weil er mit seinem „Heute“ alle üblichen Erwartungen von den Zeitabläufen bis zum Tag des Herrn zur Seite lässt.

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