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Lukas 23,34

Heute möchte ich uns eines der Worte Jesu am Kreuz nennen, Lukas 23,34; den Textzusammenhang findest du wieder unten angehängt:

»Vater, vergib ihnen.

Denn sie wissen nicht, was sie tun.«

 

Vor vielen, vielen Jahren – als ich um die 15 Jahre alt war – besuchte meine Familie in einer evangelischen Kirche den Konfirmationsgottesdienst einer Cousine von mir. Für mich als Baptistenkind war das alles neu und unbekannt. Und irgendwann traten die Konfirmanden ans Mikrophon und lasen den Konfirmationsspruch vor, den sie sich selber ausgesucht hatten. Ein Mädchen hatte sich das obige Bibelwort erwählt. Was sie dazu bewegt hat, konnte ich nur spekulieren, hatte aber den Eindruck, dass es die Sache durchaus auf den Punkt gebracht hat: Sie wusste wahrscheinlich wirklich nicht, was sie da tat. Außerdem hatte sie vermutlich den gleichnamigen Film mit James Dean gesehen…

 

In den Evangelien sind uns die „Sieben letzte Worte“ bzw. die „Sieben Kreuzesworte“ Jesu überliefert:

„Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ (Lukas 23,34)

„Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“ (Lukas 23,43)

„Frau, siehe, dein Sohn!“ und: „Siehe, deine Mutter!“ (Johannes 19,26–27)

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Markus 15,34; Matthäus 27,46; Psalm 22,2)

„Mich dürstet.“ (Johannes 19,28)

„Es ist vollbracht.“ (Johannes 19,30)

„Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.“ (Lukas 23,46)

In den nächsten Tagen möchte ich uns einige davon nahebringen.

 

Wir können uns das erste Kreuzeswort aus zwei Perspektiven ansehen – von Jesus her und von den Menschen her, die an der Kreuzigung beteiligt waren.

Jesus hat nicht nur eine furchtbare Hinrichtung zu ertragen gehabt – das war schon mehr als genug. Sondern er musste auch noch den Spott der Leute aushalten. Ob die Soldaten, ob die geistliche Führerschaft, ob sogar einer der Mitleidenden: Sie alle verhöhnten ihn. Es waren bittere, beißende, hasserfüllte Worte. Sie wollten Jesus nicht nur unter größten Qualen töten, sondern ihn auch noch seelisch brechen.

Die Römer haben gerne die Kreuzigung als Foltertod für Verbrecher gewählt – aber nur bei „Barbaren“, bei Nichtrömern. Römische Bürger konnten durchaus die Todesstrafe verhängt bekommen, aber nicht auf diesem Weg, weil die Kreuzigung zu entehrend, zu „menschenunwürdig“ war. Neben den unermesslichen körperlichen Leiden kam noch die Entehrung, wenn jemand nackt in seinem Leiden zur Schau gestellt wurde.

Und auch für Juden war diese Todesart unwürdig, weil 5. Mose 21,22-23 daraufhin interpretiert wurde: „Wenn bei einem Mann eine Sünde geschieht, auf die das Todesurteil steht, und er wird getötet und du hängst ihn an ein Holz, dann darf seine Leiche nicht über Nacht an dem Holz bleiben, sondern du sollst ihn unbedingt am selben Tag begraben. Denn ein Aufgehängter ist ein Fluch Gottes. So sollst du dein Land nicht unrein machen, das der HERR, dein Gott, dir als Erbteil gibt.“ (siehe entsprechend Galater 3,13).

 

Wie reagiert Jesus auf dieses Zusatzleiden?

Er bittet für sie bei seinem Vater im Himmel um Vergebung. Wir glauben, dass Jesus für uns am Kreuz gestorben ist. Hier wird deutlich, dass seine Liebe nicht erst vom Ergebnis her zu erkennen ist, sondern schon im Vollzug. Wie hat er das geschafft, wie konnte er das nicht: es den Spöttern heimzahlen, Gott um Gerechtigkeit anrufen, vielleicht selber Rache nehmen? Ich weiß nicht, wie er das geschafft hat.

Wenn ich mich selber betrachte, dann gehe ich innerlich – und manchmal auch lautstark – auf 180, wenn mir jemand nur ein klein wenig Unrecht tut, mich schief ansieht, etwas Falsches über mich verbreitet. Alles eigentlich nicht der Rede wert. Aber ich habe den unstillbaren Hang zur Selbstrechtfertigung, zur Anklage, ja, auch zur Rache. Nun wird es in der Regel nicht dazu kommen, weil zwischen dem ersten Impuls und der Tat bzw. den entsprechenden Worten dann doch noch ein paar Filter geschaltet sind. Aber was ist, wenn mir etwas wirklich Schlimmes angetan wird?

Wie hat Jesus das ausgehalten? Wie konnte er um Vergebung bitten – für diese rücksichtslosen, gewissenlosen Menschen? Ich kann es mir nur mit der Liebe Gottes erklären, die in Jesus vollkommen zur Geltung gekommen ist. Wenn es von der Agápe, der göttlichen Liebe, in 1. Korinther 13,5.7 heißt: „Sie rechnet Böses nicht zu, erträgt alles, erduldet alles.“, dann leuchtet das hier auf. Anders ist es nicht zu erklären.

 

Doch wie kommen Menschen eigentlich dazu, jemanden in dieser Weise zu verhöhnen, der ohnehin schon offensichtlich leidet? Woher kommt diese Freude am Nachtreten, an der Rache, an der Demütigung des anderen? Das ist ja nicht nur ein Problem derjenigen, die damals dort beteiligt waren, sondern das betrifft ja auch uns. Neben vielen Erklärungsmöglichkeiten sollten wir auch über Wut nachdenken.

Wir sind wütend – zumindest innerlich. Wütend auf eine ungerechte Welt, die uns so unfair behandelt. Wütend auf uns selbst, dass wir damit nur so unfähig umgehen können. Dass wir so wenig dazulernen. Dass wir so selten wirklich besser sind als andere. Und diese Wut schafft sich Bahn, trifft den Nächsten oder den Entfernten über Facebook, Twitter und Leserbriefe. Wir sind wütend und haben das Gefühl, dass diese Wut unsere Worte und manchmal auch Taten rechtfertigt.

Taten oder Worte aus Wut heraus haben noch selten weitergeholfen. Fragen schon: Wie komme ich dazu, mich so zu fühlen? Gefühle sind nie verkehrt an sich. Sie sind einfach erst einmal da. Aber wenn sie unhinterfragt zu Worten und Handlungen führen, dann wird’s schwierig. Und Fragen: Wie kommen andere dazu, sich so oder so zu äußern oder zu verhalten? Auch das hilft oft genug, etwas entspannter mit jemandem umzugehen.

Und von Jesus lernen, könnte hier bedeuten: Ich nehme wahr, dass der andere vielleicht gar nicht weiß, was er tut. Und ich bitte für ihn um Vergebung. Ist das unmöglich, zu viel verlangt? Menschlich gesehen bestimmt. Aber wenn es stimmt: „Gott hat seine Liebe in unsere Herzen hineingegossen. Das ist durch den Heiligen Geist geschehen, den Gott uns geschenkt hat.“ (Römer 5,5), dann geht da etwas „Übermenschliches“.

 

Ich möchte uns für diesen Tag ermutigen. Wir können beten, liebevoll miteinander umgehen und anderen helfen, wo Hilfe gebraucht wird. Die Liebe, um Wut zu überwinden und uns dem Nächsten oder Entfernten zuzuwenden, möchte Jesus uns durch seinen Heiligen Geist schenken. Wir können ihn darum bitten.

 

Pastor Axel Schlüter

 

Lukas 23,33-43 (BasisBibel)

33     So kamen sie zu der Stelle, die »Schädel« genannt wird. Dort kreuzigten sie Jesus und die beiden Verbrecher – den einen rechts, den anderen links von ihm.

34     Aber Jesus sagte: »Vater, vergib ihnen. Denn sie wissen nicht, was sie tun.« Die Soldaten verteilten seine Kleider und losten sie untereinander aus.

35     Das Volk stand dabei und schaute zu. Die Mitglieder des jüdischen Rates verspotteten ihn. Sie sagten: »Andere hat er gerettet. Jetzt soll er sich selbst retten, wenn er der Christus ist, den Gott erwählt hat.«

36     Auch die Soldaten trieben ihren Spott mit ihm. Sie gingen zu Jesus und reichten ihm Essig.

37     Dabei sagten sie: »Wenn du der König der Juden bist, rette dich selbst!«

38     Über Jesus war ein Schild angebracht: »Das ist der König der Juden.«

39     Auch einer der Verbrecher, die mit ihm gekreuzigt waren, verspottete Jesus. Er sagte: »Bist du nicht der Christus? Dann rette doch dich und uns!«

40     Aber der andere wies ihn zurecht: »Fürchtest du noch nicht einmal Gott? Dich hat doch dieselbe Strafe getroffen wie ihn!

41     Wir werden zu Recht bestraft und bekommen, was wir verdient haben. Aber er hat nichts Unrechtes getan!«

42     Und zu Jesus sagte er: »Jesus, denke an mich, wenn du in dein Reich kommst.«

43     Und Jesus antwortete ihm: »Amen, das sage ich dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein!«.

 

 

BasisBibel. Neues Testament und Psalmen, © 2012 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart: www.basisbibel.de

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