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Markus 14,51-52

In der ökumenischen Bibellese ist Markus 14,43-52 dran; den ganzen Text findest du wieder unten angehängt:

51     Nur ein junger Mann blieb bei ihm. Der trug einen Umhang aus Leinen auf dem bloßen Körper. Auch ihn wollten sie festnehmen.

52     Aber da ließ er seinen Umhang fallen und rannte nackt davon.

 

Wer das Fernseh-Abendprogramm studiert, wird schnell feststellen, dass es quer über alle Sender hinweg eine Gattung gibt, die überall reichlich vorhanden ist: Krimis in allen Varianten. Der Tatort ist eine Institution, Polizeiruf 110 ebenfalls, jede Menge Serien mit Lokalkolorit – Nordsee, Ostsee, Berlin, Bodensee, Alpen, Frankreich, Italien, Kroatien,  Istanbul –, und dann noch die Abkürzungen aus Amerika CSI, CIS, NYPD undwasweißichnoch. Auch wenn ich das nicht annähernd beurteilen kann, gehe ich davon aus, dass alle eine Gemeinsamkeit haben: Immer muss irgendein Geheimnis gelüftet werden, meistens ein Verbrechen, viel zu oft ein Mord. Es wäre ein Thema für sich, warum Krimis – auch in Buchform – so beliebt sind.

 

Ich weiß nicht, ob dir die beiden oben genannte Verse aus dem heutigen Abschnitt des Markusevangeliums schon bekannt waren. Stell dir vor, du drehst seinen spannenden Film über die Verhaftung Jesu: Alles ein wenig im Halbdunkel, durch Fackel beleuchtet, dramatische Vorgänge, Schwerter, gewichtige Worte – und dann kommt auf einmal ein junger Mann ins Bild, dicht an der Seite von Jesus, die Polizei will ihn festnehmen, er flieht und lässt seinen Umhang zurück. Alle Zuschauer fragen sich: Wer ist das denn? Kennen wir den? Was soll uns diese Szene sagen? Kommt der Mann nachher noch einmal vor?

Und das Verwunderliche: Dieser junge Mann taucht aus dem Nichts auf und verschwindet genauso wieder. Außer diesen beiden Versen finden wir in der Bibel nichts zu ihm. Wir müssen also unser ganzes kriminalistisches Geschick aufwenden, um hier weiterzukommen. Nun fangen wir nicht bei null an; in den letzten knapp 2000 Jahren gab es verschiedene Versuche, Licht in das Halbdunkel dieser Szene zu bringen. Ich will ein paar Lösungsvorschläge nennen (nach Adolf Pohl: Markusevangelium, Kommentar in der Wuppertaler Studienbibel zur Stelle):

Der junge Mann soll wahlweise Petrus, Jakobus, Johannes oder vor allem Markus selbst gewesen sein. Oder vielleicht auch der gleiche Jüngling wie in Markus 16,5. Oder man hat ihn angeblich Amos 2,16 nachgedichtet. Oder man hat sich gleich auf die Ebene der tiefsinnigen Deutung begeben: So gilt er als Symbol für die Flucht des Heidenchristentums vor der Kreuzesnachfolge, neben der Jüngerflucht in V.50 als Symbol für das leidensscheue Judenchristentum. Alle bekommen ihr Fett weg. Oder noch tiefsinniger: Seine Entkleidung und Nacktheit soll Jesu schändlichen Tod vorausdarstellen wie sein Entrinnen die Auferstehung.

Und schließlich lernen wir, dass die eigenartigste Bibelstelle zum wichtigen Beleg für eine ebenso eigenartige Lehre herangezogen werden kann: Den Gnostikern des Altertums war diese Stelle dogmatisch unentbehrlich: Der wahre Christus sei nicht gestorben, sondern hier im Garten habe er sich noch rechtzeitig vom Jesus-Leib getrennt. (Diese Lehre steht auch im Hintergrund von 1. Johannes 2,22 oder 2. Johannes 7, wo es darum geht, dass man zwischen dem Menschen Jesus und dem Gott Christus unterscheiden wollte. Heute noch z. B. in der Anthroposophie gelehrt.)

 

Das überzeugt alles nicht sonderlich. Vielleicht hilft es ja, die wenigen Hinweise in den beiden Bibelversen etwas genauer anzusehen. Zuerst einmal können wir davon ausgehen, dass alle Jünger und Anhänger Jesu, die mit ihm aus der Stadt gekommen waren, sicher vollständig bekleidet waren. Außerdem steht am Ende von Vers 50 ganz betont „alle“: Und sie [die Jünger] verließen ihn und flohen alle. Damit können wir alle bekannten Namen und Personen ausschließen.

Das griechische Wort – hier mit „Umhang aus Leinen“ übersetzt – bezeichnet das Obergewand mit einem Fremdwort, vielleicht ein Hinweis, dass der junge Mann etwas reicher war. Es könnte sein, dass er sich unter den Bäumen zum Schlafen gelegt hatte. Damals gab es keinen Schlafanzug oder Schlafsack und Unterhosen waren auch noch nicht erfunden, von daher also nackt. Und als der Lärm ihn weckte, warf er sich schnell sein Obergewand um und suchte neugierig das Spektakel auf. Als die Situation aber zu brenzlig wurde, hat er sich schleunigst im Schutz der Nacht davongemacht.

So weit, so unspektakulär. Eine kleine Randnotiz. Warum aber hat Markus dies Geschichtchen überhaupt aufgeschrieben? Die anderen Evangelisten – also Matthäus, Lukas oder Johannes – haben es dann auch gleich weggelassen, wenn sie es überhaupt kannten. Nun, wie so oft müssen wir bei Markus auf die Worte achten: Hier finden wir in den beiden Versen – etwas genauer übersetzt: folgen, ergreifen, verlassen, fliehen. Das nun könnte eine Parallele zu dem sein, was die Jünger gemacht haben, von denen in den Versen vorher und nachher die Rede ist. Sie wollten Jesus folgen – bis in den Tod! Und als man sie ergreifen wollte, haben sie Jesus im Stich gelassen und sind geflohen.

 

Was könnte uns das zum Beginn der Karwoche zu sagen haben? Ich zitiere Adolf Pohl aus dem oben genannten Kommentar:

Sobald Gott seinen Sohn zur Rettung der Welt ins Gericht gibt, kommen und können die Jünger nicht mehr mit. Sie wollen es zwar, sie bäumen sich auf, aber auch die Tapfersten und Tüchtigsten, auch die Leisesten und Schlichtesten brechen zusammen. Die Rettung der Welt ist Gottes Werk ganz allein, nicht zu einem Teil auch das der Jünger, Christen oder Kirchen. Das ist nach dem Passionsbericht des Markus nicht überspitzt, sondern eine zentrale Aussage. Karfreitag stellt die Christen unter die Juden und Heiden. Karfreitag kann man nur gegen sich selbst feiern, als Feier der Alleinherrschaft Gottes.

„Karfreitag kann man nur gegen sich selbst feiern, als Feier der Alleinherrschaft Gottes.“ Das führt zu Selbsterkenntnis, Bescheidenheit und vor allem Dankbarkeit: Am Kreuz erkennen wir die Liebe Gottes, mit der er sich von sich aus ganz und gar den Sündern zuwendet.

 

Ich möchte uns für diesen Tag ermutigen. Wir können beten, liebevoll miteinander umgehen und anderen helfen, wo Hilfe gebraucht wird. Auch wenn diese Passionszeit und die Karwoche höchst ungewöhnlich verläuft, sind wir doch eingeladen, sie mitzugehen und uns auf Jesus als unserem Herrn einzulassen.

 

Pastor Axel Schlüter

 

Markus 14,43-52 (BasisBibel)

43     Noch während Jesus das sagte, näherte sich Judas, einer der Zwölf. Mit ihm kam eine Truppe, die mit Schwertern und Knüppeln bewaffnet war. Die führenden Priester, Schriftgelehrten und Ratsältesten hatten sie geschickt.

44     Der Verräter hatte mit den Männern ein Erkennungszeichen ausgemacht: »Wem ich einen Kuss gebe, der ist es. Nehmt ihn fest und führt ihn gut bewacht ab.«

45     Judas ging sofort auf Jesus zu, sagte »Rabbi« und gab ihm einen Kuss.

46     Da packten sie Jesus und nahmen ihn fest.

47     Einer von denen, die dabeistanden, zog sein Schwert. Er schlug nach dem Anführer der Truppe des Obersten Priesters und hieb ihm ein Ohr ab.

48     Jesus sagte zu den Männern: »Mit Schwertern und Knüppeln seid ihr hier angerückt, um mich gefangen zu nehmen wie einen Verbrecher!

49     Täglich habe ich bei euch im Tempel zu den Menschen gesprochen. Dabei habt ihr mich nicht festgenommen. Aber alles geschieht so, damit in Erfüllung geht, was in den Heiligen Schriften steht.«

50     Da ließen ihn alle Jünger im Stich und ergriffen die Flucht.

51     Nur ein junger Mann blieb bei ihm. Der trug einen Umhang aus Leinen auf dem bloßen Körper. Auch ihn wollten sie festnehmen.

52     Aber da ließ er seinen Umhang fallen und rannte nackt davon.

 

BasisBibel. Neues Testament und Psalmen, © 2012 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart: www.basisbibel.de

DAS EVANGELIUM DES MARKUS (Adolf Pohl) / Die Neue Wuppertaler Studienbibel NT

für die digitale Ausgabe: © 2001 R.Brockhaus Verlag, Wuppertal

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