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Markus 14,32-42

In der ökumenischen Bibellese ist Markus 14,32-42 dran; den ganzen Text findest du wieder unten angehängt:

33     Jesus nahm Petrus, Jakobus und Johannes mit sich. Plötzlich überfielen ihn Angst und Schrecken,

34     und er sagte zu ihnen: »Ich bin ganz verzweifelt. Am liebsten wäre ich tot. Wartet hier und bleibt wach.«

 

In Action- oder Kriegsfilmen gibt es ein beliebtes Muster: Wenn sich die Helden zusammen mit denen, die gerettet werden sollen, in einer aussichtslosen Lage befinden, ist da einer, der sich den Feinden entgegenwirft, um den wirklich wichtigen Leuten Zeit zur Flucht zu verschaffen. Oft ist das der unsympathische Versager, der bisher nicht viel Positives für die Gruppe beigetragen hat, sich aber nun heroisch opfert, seinem Verliererleben damit einen letzten überragenden Sinn gibt. In der Besetzung sind diese einmaligen Helden daran zu erkennen, dass sie nie von den berühmten A-Schauspielern gespielt werden, sondern dafür die B- oder C-Schauspieler in Frage kommen. Wer opfert sich am Ende von Independence Day (1996), um die ganze Welt von den Aliens zu retten? Natürlich nicht Will Smith…

Diese Helden gehen also in den sicheren Tod, um andere zu retten. Äußerst selten erfahren wir, wie es ihnen dabei innerlich ergeht. Martialisch werfen sie sich in den Kampf, Schnitt, aus – zurück zu den eigentlichen Helden. Wie aber geht es jemandem innerlich, der den sicheren Tod vor Augen hat?

 

In einer Woche ist Karfreitag, am Sonntag beginnt die Karwoche. Wir begleiten Jesus (und die Jünger) auf dem Weg zum Kreuz bis hin zur Auferstehung. Die Karwoche war früher einmal eine so genannte geschlossene Zeit oder Stille Woche, in der keine Vergnügungen stattfinden durften. Heute beschränkt sich das gesetzlich auf den Karfreitag. In diesem Jahr ist das anders; da ist viel Stille ohne Party, und dafür auch keine Gottesdienste. Irgendwie ist alles auf den Kopf gestellt.

 

Jesus ist der Held, der sein Leben für die Menschen opfert. Und er wusste, was auf ihn zukommt. Im Markusevangelium gibt es drei Leidensankündigungen, in denen er seinen Jüngern genau sagt, was ihn erwartet (Markus 8,31; 9,31; 10,32-34). Und wir erfahren, wie es ihm dabei ergangen ist. Wir dürfen einen Blick in sein Innerstes werfen wie sonst kaum einmal.

Ich habe unten zwei Fotos angehängt, die ich Anfang März im Alten Peter aufgenommen habe – eine Gethsemane-Szene mit den schlafenden Jüngern und einer sehr interessanten Jesusdarstellung. Dieser Jesus ringt nicht im Gebetskampf, wie wir es bei Lukas lesen (Lukas 22,39-46), sondern er wirkt müde, erschöpft, kraftlos.

 

Manchmal wird gefragt, woran wir eigentlich erkennen können, dass Jesus ganz Mensch war. Und gewöhnlich wird geantwortet: er hatte Hunger und Durst, hat auch mal geweint, war müde und erschöpft, musste schlafen. Ich meine, dass in dieser Szene Markus 14,32-42 am deutlichsten wird, dass Jesus ganz und gar Mensch war. Wenn du dir diese Verse durchliest, wird dir vielleicht auffallen, dass es ein Ungleichgewicht gibt zwischen dem Gebet Jesu (V.35-36.39) und seinen Worten und dem Verhalten der Jünger (alle anderen Verse).

Zwar ringt Jesus mit Gott, seinem Vater im Himmel (Abba) um den richtigen Weg. Das ist ein Gebetskampf, in dem Jesus nicht nur für die Nachwelt etwas oberflächliche Spannung hineinbringt, das Ergebnis aber von vorneherein feststeht. Deswegen finden wir dies ja auch bei Lukas als Schwerpunkt. Auch im Hebräerbrief wird dieses Ringen gedeutet (5,7-8): In den Tagen seines irdischen Lebens hat Jesus seine Gebete und sein Flehen vor Gott gebracht. Mit lautem Rufen und unter Tränen brachte er sie vor Gott. Denn der konnte ihn aus dem Tod retten. Und aufgrund seiner Ehrfurcht vor Gott ist er erhört worden. Obwohl er der Sohn war, musste er durch das, was er gelitten hat, den Gehorsam lernen.

Markus setzt aber einen anderen Akzent (in Vers 39 wird das Beten Jesu nur noch zusammengefasst, in V.41 gar nicht mehr erwähnt). Markus gibt dem Ringen Jesu mit seinen Jüngern viel mehr Raum. Wie kommt es dazu? Nun, wozu waren die Jünger eigentlich da? Waren sie lediglich Schüler, die ihrem Lehrer hinterhergelaufen sind? Hätte Jesus auch ganz gut ohne sie seinen Dienst tun können?

In Markus 3,14 lesen wir von einer doppelten Bestimmung der Jünger: Jesus machte Zwölf, damit sie mit ihm seien und damit er sie aussende zu verkündigen. Neben dem Auftrag, das Reich Gottes zu verkündigen in Wort und Tat, kommt als erstes das Mit-ihm-sein. Die Jünger waren die Familie Jesu, seine Peergroup, sein Beziehungsgeflecht. Hatte Jesus das nötig? Brauchte er tatsächlich andere Menschen, um leben zu können?

Wir werden diese Frage nur dann richtig beantworten können, wenn wir zulassen, dass Jesus ein Mensch war wie wir. Und vertrauensvolle Beziehungen sind nun einmal ein Lebenselixier für jeden Menschen. Wenn Jesus also in unserem heutigen Bibelwort mit dem Schlafbedürfnis der Jünger kämpft, dann geht es ihm um den Beistand seiner Freunde in seiner höchsten Not. Der Vorwurf in Vers 37 kommt also aus der Verzweiflung, dass Jesus jetzt gerade dringend menschliches Nähe, Hilfe, Mittragen nötig hat. Und die Jünger versagen völlig.

 

Das Unheilvolle an der aktuellen Krise ist natürlich zuerst die Lebensbedrohung für so viele Menschen bzw. das Todesurteil in ärmeren oder sozial ungerechten Ländern. Das ruft uns zur Fürbitte, lässt uns aber auch dankbar sein für unser Land. Uns macht das Leben schwer, dass wir unser Grundbedürfnis nach Begegnung, Beziehung oder Nähe nur mit Abstand oder ganz indirekt wahrnehmen können. Wie furchtbar das ist, wenn jemand im Krankenhaus um das Leben ringt und nicht besucht werden darf! Oder dass Väter bei der Geburt nicht dabei sein dürfen!

Jesus hat seine Jünger aufgerufen, ihm in seinem Ringen um den richtigen Weg beizustehen. Sie haben leider versagt. Wie gut, dass dies Jesus nicht davon abgehalten hat, seinen Weg für seine Jünger und für uns alle weiterzugehen.

Auch wenn das jetzt vielleicht nicht so ganz die gleiche Ebene ist – manche Übertragungen auf unser Leben hinken etwas: Wir können uns heutzutage beistehen, wir können wach bleiben darin, aufeinander Acht zu haben, füreinander da zu sein. Wir haben über alles menschliche Bemühen hinaus die Möglichkeit, in der Kraft Jesu, im Heiligen Geist einander und unseren Mitmenschen beizustehen.

 

Ich möchte uns für diesen Tag ermutigen. Wir können beten, liebevoll miteinander umgehen und anderen helfen, wo Hilfe gebraucht wird. Lernen wir doch von den Jüngern, dass wir es gerade nicht so tun wie sie…

 

Pastor Axel Schlüter

 

Markus 14,32-42 (BasisBibel)

32     Jesus und seine Jünger kamen zu einem Garten, der Getsemani hieß. Dort sagte Jesus zu seinen Jüngern: »Bleibt hier sitzen, während ich bete.«

33     Er nahm Petrus, Jakobus und Johannes mit sich. Plötzlich überfielen ihn Angst und Schrecken,

34     und er sagte zu ihnen: »Ich bin ganz verzweifelt. Am liebsten wäre ich tot. Wartet hier und bleibt wach.«

35     Er selbst ging noch ein paar Schritte weiter. Dort warf er sich zu Boden und bat Gott, ihm diese schwere Stunde zu ersparen, wenn es möglich ist.

36     Er sagte: »Abba, mein Vater, für dich ist alles möglich. Nimm doch diesen Becher fort, damit ich ihn nicht trinken muss! Aber nicht, was ich will, soll geschehen, sondern was du willst!«

37     Jesus kam zu den drei Jüngern zurück und sah, dass sie eingeschlafen waren. Da sagte er zu Petrus: »Simon, du schläfst? Konntest du nicht diese eine Stunde wach bleiben?

38     Bleibt wach und betet, damit ihr die kommende Prüfung besteht. Der Geist ist willig, aber die menschliche Natur ist zu schwach.«

39     Dann ging er noch einmal weg und betete mit den gleichen Worten wie vorher.

40     Als er zurückkam, sah er, dass seine Jünger wieder eingeschlafen waren. Denn die Augen waren ihnen zugefallen. Und sie wussten nicht, was sie ihm antworten sollten.

41     Beim dritten Mal, als Jesus zurückkam, sagte er zu ihnen: »Schlaft ihr immer noch und ruht euch aus? Es ist so weit! Die Stunde ist da! Seht doch, jetzt wird der Menschensohn ausgeliefert an Menschen, die voller Schuld sind.

42     Steht auf, wir wollen gehen. Seht doch, der mich verrät, ist schon da.«

BasisBibel. Neues Testament und Psalmen, © 2012 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart: www.basisbibel.de

 

© Axel Schlüter 03/2020

© Axel Schlüter 03/2020

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