· 

Psalm 103,1-5

Heute möchte ich uns Psalm 103,1-5 ans Herz legen – wieder findest du den ganzen Psalm unten angehängt:

1    Von David. Lobe den HERRN, meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen!

2    Lobe den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat:

3    der dir alle deine Sünde vergibt und heilt alle deine Gebrechen,

4    der dein Leben vom Verderben erlöst, der dich krönt mit Gnade und Barmherzigkeit,

5    der deinen Mund fröhlich macht und du wieder jung wirst wie ein Adler.

 

Wir leben in ungewissen Zeiten. Wie bei anderen landes- oder weltweiten Ereignissen (z. B. der Mauerfall oder nine-eleven), haben wir alle ein gemeinsames Thema, das jeden beschäftigt, worüber man mit jedem Mitmenschen ins Gespräch kommen kann – ob am Telefon mit Familienmitgliedern oder gänzlich fremden Leuten im Supermarkt.

Im Moment müssen wir alle mit der Situation klar kommen, die nur äußerlich gesehen für alle gleich ist. Im Lebensvollzug finden wir aber eine große Bandbreite: Für manche Ältere ist der Unterschied zu sonst gar nicht so riesig. Sie kommen ohnehin kaum noch aus dem Haus, sind jetzt vorsichtiger, erfahren Hilfe aus der Familie oder von Nachbarn. Das Telefon ist schon seit langem der bevorzugte Kontakt zur Außenwelt. Andere haben Kurzarbeit oder es droht Arbeitslosigkeit oder für Selbständige die Insolvenz. Da bauen sich massive Zukunftsängste auf. Andere haben so viel zu tun, wie schon lange nicht mehr: Homeoffice ist umständlich und zeitraubend. Die Arbeit findet kein von Arbeitszeiten geregeltes Ende. Und wenn dann noch Kinder dazu kommen, kann der Stress schnell überhand nehmen. Homeschooling oder Homekindergardening hört sich zwar nett an, hat aber mit verlängerten Ferien nichts zu tun.

Und in diese angespannte Situation hinein ergeht heute der Ruf: „Lobe den Herrn, meine Seele?“ Ist das nicht etwas zu viel verlangt?

 

Mit Seele ist in der Bibel nicht irgendein innerer Zustand gemeint, nicht der Sitz des Bewusstseins oder eine göttliche Flamme oder so etwas. Die Seele wohnt auch nicht im Körper, so dass sie sich auch von selbigem verabschieden könnte. Das ist griechisches Denken, das fein säuberlich Körper, Seele und Geist voneinander getrennt hat. In der hebräischen Bibel geht es immer um den Menschen als Ganzheit; so sind wir von Gott geschaffen, so spricht er uns auch an. Wenn von Körper, Seele, Herz, Geist, Willen, Verstand oder sonst etwas die Rede ist, dann geht es um bestimmte Aspekte des ganzheitlichen Menschen.

Das hebräische Wort, das gewöhnlich mit Seele übersetzt wird, lautet „näfäsch“. Und das bezeichnet die Kehle, und das nicht als biologische Zuordnung für angehende Mediziner, sondern weil durch die Kehle der Lebensatem strömt. So lange ein Mensch atmet, so lange lebt er auch. Und von daher meint näfäsch/Seele den lebendigen Menschen (der Begriff kann aber hin und wieder auch für Tiere verwendet werden). Lobe den Herrn, meine Seele! könnten wir also übersetzen mit: Lobe den Herrn mit deinem ganzen Leben, deinem Lebendigsein, das, wofür du deinen Atem brauchst!

 

Und wie kann das nun gehen, dieses Lob Gottes mit dem ganzes Lebensvollzug? Nun, es geht ja wohl nicht darum, immer nur Loblieder auf den Lippen zu haben und mit entrücktem Blick nach oben durch die Gegend zu laufen. Der zweite Vers gibt uns einen wichtigen Hinweis: Lobe den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat. Inwiefern soll nicht vergessen, also sich erinnern mit dem Lob Gottes zusammenhängen?

 

Von Israel ben Elieser (um 1700-1760), dem Begründer der chassidischen Bewegung im Judentum, ist überliefert: „Nicht im Vergessen, sondern im Sicherinnern besteht das Geheimnis der Erlösung.“ Sich erinnern entfaltet heilsame Kräfte. Gott hat es vermutlich in uns so hineingepflanzt, dass sich Erinnerungen im Laufe der Zeit verschönern. Abgesehen von traumatischen Erfahrungen, die sicher eine Sonderrolle spielen, werden die meisten von uns das schon festgestellt haben: Im Rückblick erscheint die Vergangenheit immer etwas rosiger.

Was ist eigentlich Erinnerung? Mittlerweile wissen wir, dass unser Gedächtnis nicht wie ein riesiger Computer funktioniert, wo einfach nur die Fakten und Erkenntnisse und Erlebnisse abgespeichert werden. Wenn man den richtigen Schlüssel hat, kann man alles eins zu eins wieder abrufen. Das aber übersieht mal wieder, das auch unser Gehirn nicht nur ein neuronales Speichernetzwerk ist, das mit Informationen beschrieben wird. Sondern auch unsere Erinnerungen sind ganzheitlich eingebunden in unser Menschsein.

Manche vergleichen unsere Erinnerungen eher mit einem Theaterspiel. Andrea Schneider schreibt dazu: „Diese Vorstellung finde ich spannend: Unsere Erinnerung bringt unser „Lebensdrama“ auf die innere Bühne. Das Gedächtnis spielt – manchmal auch verrückt. Führt uns hinters Licht. Täuscht uns zuweilen. Da sind in unserer Erinnerung Krimis und Komödien – und wir spielen unsere Rollen in diesem „Erinnerungstheater“, das wir selbst konstruieren … Wir sind beteiligt am „Theaterspiel“ des Gedächtnisses. Sind vielleicht sogar seine Regisseure und erinnern uns bewusst und unbewusst, was und wie wir wollen. Und manches lassen wir hinter der Bühne, ganz im Dunkel des Vergessens, verschwinden. An was erinnern wir uns von den einzelnen „Akten“ unseres „Lebensdramas“, in denen unterschiedliche Erfahrungen prägend waren? Von Kindheit, Jugend, erster Liebe, Krankheit usw.?“ (Quelle vom Zitat siehe unten.)

 

Springen wir einmal etwas in der Zeit voraus: In einigen Jahren werden wir vielleicht am Kaffeetisch sitzen und uns erinnern: Weißt du noch wie das damals war bei der Corona-Krise? Und wir tragen unsere Erinnerungen zusammen, hoffentlich erleichtert, hoffentlich von einem guten Ende her. Nicht mehr die Sorge um das Klein-klein des Alltag wird die Erinnerung bestimmen, sondern die lustigen Erlebnisse und Anekdoten, die Dinge, die wir gemeistert haben. Hoffentlich. Vielleicht aber mussten wir uns von lieben Menschen verabschieden. Auch das wird dazu gehören.

 

Und wie kann die Erinnerung an Gottes Handeln heute unser Leben erleichtern, uns zum Loben bringen? Der Psalm hat ein paar Anregungen vorrätig: Der dir alle deine Sünde vergibt und heilt alle deine Gebrechen, der dein Leben vom Verderben erlöst, der dich krönt mit Gnade und Barmherzigkeit, der deinen Mund fröhlich macht und du wieder jung wirst wie ein Adler.

Dazu noch einmal Andrea Schneider:

Was für ein Grund zur Dankbarkeit, belastende Schuld loswerden zu können!

Was für ein Glück, befreit neu anfangen zu dürfen!

Was für ein Grund zur Dankbarkeit, Genesung von Krankheit zu erfahren!

Was für ein Glück, mit Krankheit leben zu lernen und trotz Krankheit im Kern gesund zu sein!

Was für ein Grund zur Dankbarkeit, in schweren Zeiten Gott an der Seite zu haben!

Was für ein Glück, durch die Nähe anderer Menschen seinen Trost zu spüren!

Was für ein Grund zur Dankbarkeit, Zeiten unbeschwerter Freude zu genießen!

Was für ein Glück, sich daran zu erinnern!

Was für ein Grund zur Dankbarkeit, aus dem Dunkel von Verzweiflung, Angst und Traurigkeit gerettet zu werden!

Was für ein Glück, bei Gott geborgen zu sein – auch über die letzte Grenze hinweg!

Was für ein Grund zur Dankbarkeit, arbeiten zu dürfen und ruhig schlafen zu können!

Was für ein Glück, jeden Tag zuversichtlich anzupacken!

Was für ein Grund zur Dankbarkeit, dass es einen gibt, der in allem Chaos den Überblick behält!

Was für ein Glück, dass der liebende Gott die große weite Welt und jedes kleine Leben in seiner Hand hält!

Was für ein Grund zur Dankbarkeit, dass Gott dieses unbedingte Ja zum Leben gibt!

Was für ein Glück, dass seine Liebe über allem steht!

 

Ich möchte uns für diesen Tag ermutigen. Wir können beten, liebevoll miteinander umgehen und anderen helfen, wo Hilfe gebraucht wird. Und möchte dich und mich zur Dankbarkeit aufrufen, zur Erinnerung an das, was Gott schon längst getan hat. Und vielleicht hilft ein Lob Gottes, den Blick aus dem Staub des Alltags zu heben. Dazu segne uns unser guter Herr!

 

Pastor Axel Schlüter

 

Psalm 103 (Lutherübersetzung 2017)

1       Von David. Lobe den HERRN, meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen!

2       Lobe den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat:

3       der dir alle deine Sünde vergibt und heilt alle deine Gebrechen,

4       der dein Leben vom Verderben erlöst, der dich krönt mit Gnade und Barmherzigkeit,

5       der deinen Mund fröhlich macht und du wieder jung wirst wie ein Adler.

6       Der HERR schafft Gerechtigkeit und Recht allen, die Unrecht leiden.

7       Er hat seine Wege Mose wissen lassen, die Kinder Israel sein Tun.

8       Barmherzig und gnädig ist der HERR, geduldig und von großer Güte.

9       Er wird nicht für immer hadern noch ewig zornig bleiben.

10     Er handelt nicht mit uns nach unsern Sünden und vergilt uns nicht nach unsrer Missetat.

11     Denn so hoch der Himmel über der Erde ist, lässt er seine Gnade walten über denen, die ihn fürchten.

12     So fern der Morgen ist vom Abend, lässt er unsre Übertretungen von uns sein.

13     Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt, so erbarmt sich der HERR über die, die ihn fürchten.

14     Denn er weiß, was für ein Gebilde wir sind; er gedenkt daran, dass wir Staub sind.

15     Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blüht wie eine Blume auf dem Felde;

16     wenn der Wind darüber geht, so ist sie nimmer da, und ihre Stätte kennt sie nicht mehr.

17     Die Gnade aber des HERRN währt von Ewigkeit zu Ewigkeit über denen, die ihn fürchten, und seine Gerechtigkeit auf Kindeskind

18     bei denen, die seinen Bund halten und gedenken an seine Gebote, dass sie danach tun.

19     Der HERR hat seinen Thron im Himmel errichtet, und sein Reich herrscht über alles.

20     Lobet den HERRN, ihr seine Engel, ihr starken Helden, die ihr sein Wort ausführt, dass man höre auf die Stimme seines Wortes!

21     Lobet den HERRN, alle seine Heerscharen, seine Diener, die ihr seinen Willen tut!

22     Lobet den HERRN, alle seine Werke, an allen Orten seiner Herrschaft! Lobe den HERRN, meine Seele!

 

Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

 

Andrea Schneider: Das JA der Dankbarkeit – In der Bibel entdeckt – heute gelebt. © 2015 SCM-Verlag GmbH & Co. KG · 58452 Witten

 

(Im Moment überaus günstig als E-Book: https://www.scm-shop.de/das-ja-der-dankbarkeit-5252315.html

Kommentar schreiben

Kommentare: 0