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Markus 14,21

In der ökumenischen Bibellese finden wir heute diesen Abschnitt aus dem Markusevangelium:

Markus 14,17-25 (BasisBibel)

17     Als es Abend geworden war, kam Jesus mit den zwölf Jüngern dorthin.

18     Während sie am Tisch lagen und aßen, sagte Jesus: »Amen, das sage ich euch: Einer von euch wird mich verraten, einer, der hier mit mir isst.«

19     Die Jünger waren tief betroffen. Einer nach dem anderen fragte Jesus: »Doch nicht etwa ich?«

20     Jesus antwortete ihnen: »Es ist einer von euch zwölf – der sein Brot mit mir in die Schale taucht.

21     Der Menschensohn muss sterben. So ist es in den Heiligen Schriften angekündigt. Wie schrecklich für den Menschen, der den Menschensohn verrät. Er wäre besser nie geboren worden.«

22     Beim Essen nahm Jesus ein Brot. Er lobte Gott und dankte ihm dafür. Dann brach er das Brot in Stücke und gab es seinen Jüngern. Er sagte: »Nehmt, das ist mein Leib.«

23     Dann nahm er den Becher. Er sprach das Dankgebet, gab ihn seinen Jüngern und sie tranken alle daraus.

24     Und Jesus sagte zu ihnen: »Das ist mein Blut. Es steht für den Bund, den Gott mit den Menschen schließt. Mein Blut wird für die vielen vergossen werden.

25     Amen, das sage ich euch: Ich werde nun keinen Wein mehr trinken. Erst an dem Tag werde ich neu davon trinken, wenn Gott sein Reich vollendet hat.«

 

Harmonie ist etwas Feines. Die meisten Menschen jedenfalls freuen sich, wenn etwas harmonisch verläuft, wenn sie in harmonischen Beziehungen leben können. Harmonie meint – laut Wikipedia – allgemein die Übereinstimmung, Einklang, Eintracht, Ebenmaß; in der zwischenmenschlichen Kommunikation ein Gleichklang der Gedanken und Gefühle.

Wir sind alle mehr oder weniger harmoniebedürftig. Wir halten Spannungen zwar eine gewisse Zeit aus, aber auf Dauer machen sie uns krank. Nun ist aber das Maß der Harmoniebedürftigkeit recht unterschiedlich ausgeprägt. Manche wittern schon Unstimmigkeiten, wo andere noch gar nicht richtig angefangen haben, sich eine Meinung zu bilden. Es gibt eine Harmoniesucht, wo alles schnell unter den Teppich gekehrt wird um des lieben Friedens willen, und es gibt genauso im Gegenteil eine Streitsucht, wo über Leichen gegangen wird, um Recht zu bekommen, um „die Wahrheit“ dingfest machen zu können.

 

Meine Frau und ich haben heute Morgen im Andachtsbuch (Bibel für heute 2020) zu unserem Bibeltext gelesen:

V 21 macht deutlich, dass der Verrat durch Judas dem Willen Gottes entspricht (Ps 41,10; Jes 53,7 als Schriftbelege); dennoch trägt Judas die volle Verantwortung für sein Handeln (vgl. den Wehe-Ruf); beide Aussagen sind kein Widerspruch.

Und bei der Behauptung „beide Aussagen sind kein Widerspruch“ dachten wir unabhängig voneinander: Doch, das ist ein klarer Widerspruch, der sich nicht dadurch auflösen lässt, dass man einfach das Gegenteil behauptet! Judas ist einerseits ein von Gott zum Unheil vorgesehenes Werkzeug in der Heilsgeschichte. Es muss so geschehen. Und andererseits wird er dafür voll verantwortlich gemacht. Und nach Lukas 22,3 und vor allem Johannes 13,26-27 (siehe unten – besonders dramatisch; wer handelt da eigentlich?) kommt dann auch noch der Teufel ins Spiel. Die alte Frage drängt sich auf: Hatte Judas überhaupt eine Wahl?

Und diese Frage ist nicht mit der Bibel in der Hand schlüssig zu beantworten. Es bleibt eine große Spannung, sie ist nicht harmonisch aufzulösen. Während Judas in der alten Christenheit als das Böse schlechthin verdammt wurde, geht es heute eher in die andere Richtung: Wir haben das Gefühl, den armen Judas vor der Verurteilung in Schutz nehmen zu müssen. Alle Aspekte – von Gott vorherbestimmt oder selbst verantwortlich oder vom Teufel besessen – sind in der Bibel vorhanden und können nicht harmonisch ausgeglichen werden.

Was wir hier beispielhaft an Judas erkennen können, gilt für viele andere Bibelworte. Wir haben vier Evangelien, in denen viele Inhalte übereinstimmen, in denen aber auch Aussagen nicht so richtig zusammenpassen oder sich gegenseitig ausschließen. Wie gehen wir damit um? Ein Versuch in der Christenheit bestand immer wieder darin, eine „Evangelienharmonie“ zu verfassen. Die berühmteste ist das Diatessaron („Aus vier“) des Tatian (um 170 n. Chr.), ein aktueller Versuch kommt von Karl-Heinz Vanheiden, dem Übersetzer der Neuen evangelistischen Übersetzung (NeÜ bibel.heute). Wenn man sich das anschaut, wird sofort die Problematik deutlich: Der Autor muss immer wieder Entscheidungen treffen, wo er etwas aus dem einen Evangelium bevorzugt, um andere Aussagen unter den Tisch fallen zu lassen.

Letztlich ist es so, dass wir uns damit anmaßen, etwas besser zu wissen, als die junge Christenheit, die frühe Gemeinde in den ersten vier Jahrhunderten. Die hatten so viel Achtung vor dem Wort Gottes, dass sie vier Evangelien nebeneinander stehen lassen konnten, ohne die Gegensätze auszugleichen. Das muss man erst einmal aushalten.

Und so hat sich in der seriösen Bibelforschung durchgesetzt, dass man keine Evangelienharmonie schreibt – wo man sich über die Texte erhebt –, sondern dass man sie in einer so genannten Synopse (Zusammenschau) nebeneinander betrachtet und einander zuordnet. Mit allen Spannungen, die sich dadurch ergeben. (Beachte dazu bei Interesse auch die Anmerkung ganz unten.)

 

Was kann das für uns bedeuten?

Wenn es um die Bibel geht, müssen wir nicht versuchen, sie als Wort Gottes zu verteidigen, indem wir offensichtliche Spannungen wegharmonisieren. Das Wort Gottes hält es aus, dass es nicht grundsätzlich – für unsere Erkenntnismöglichkeiten – spannungsfrei, ohne Widersprüche daher kommt. Jesus Christus hat sich in unser Menschsein erniedrigt, genauso macht Gott es auch mit seinem Wort: Er erniedrigt sich in menschliche Sprache, in schriftliche Texte mit Entstehungs- und Überlieferungsgeschichte.

Und dennoch bewegt dieses Wort Menschenherzen, verändert Lebensgeschichten, offenbart Gottes Wesen und Willen! Diesem Wunder durch den Heiligen Geist müssen wir nicht nachhelfen, indem wir die Bibel als heiliges Buch auf einen Sockel stellen.

 

Wichtiger aber für heute mag es sein, wie wir mit Spannungen in unserem Miteinander umgehen. Viele leben in diesen Tagen gezwungenermaßen auf engstem Raum für lange Zeit. Das sind wir nicht gewohnt, da kommen unvermeidlich Spannungen auf. „Streit kommt in den besten Familien vor!“ – heißt es. Und wie mag es da erst sein, wenn man nicht in einer besten, sondern nur ganz normalen Familie zu Hause ist?

Vielleicht ist es auch ein hilfreicher Gedanke, dass man nicht alle Spannungen ausgleichen muss. Sicher sollten wir Dinge klären – gerade dann, wenn es zu verletzenden Worten gekommen ist. Aber manchmal hilft enorm eine räumliche Trennung, ein Freiraum für sich alleine, ein Rückzugsort. Wo jeder wieder Kraft schöpfen kann für die nächste harmonische Zeit im Miteinander. „Lasst mich in Ruhe.“ muss nicht automatisch die Aufkündigung der Beziehung sein; vielleicht ist es nur ein Zeichen, dass die inneren Batterien wieder aufgeladen werden sollten.

Und dort, wo die Wohnverhältnisse zu eng sind, besteht eine Möglichkeit vielleicht darin, dass man mal alleine einen Spaziergang machen darf. Und später ist der/die andere dran…

 

Ich möchte uns für diesen Tag ermutigen. Wir können beten, liebevoll miteinander umgehen und anderen helfen, wo Hilfe gebraucht wird. Und wir dürfen auch Rückzugsorte aufsuchen, wenn der Lagerkoller droht.

 

Pastor Axel Schlüter

 

Johannes 13,26-27 (BasisBibel)

26     Jesus antwortete: »Es ist der, für den ich ein Stück Brot in die Schüssel tauche und dem ich es gebe.« Er nahm ein Stück Brot, tauchte es ein und gab es Judas, dem Sohn von Simon Iskariot.

27     Sobald Judas das Brot genommen hatte, ergriff der Satan Besitz von ihm. Da sagte Jesus zu ihm: »Was du tun willst, das tue bald!«

 

Anmerkung:

Wenn jemand nach wie vor behaupten will, „es gibt keine Widersprüche in der Bibel“, der vergleiche bitte Matthäus 4,1-11 mit Lukas 4,1-13 und schreibe mir dann, welche Version wir in einer Evangelienharmonie abdrucken sollten.

Karl-Heinz Vanheiden wählt in seiner Evangelienharmonie übrigens Matthäus aus und schreibt in der Fußnote: „Lukas bringt die 2. und 3. Versuchung in umgekehrter Reihenfolge. Die historische Reihenfolge ist aber die von Matthäus, denn er verbindet die einzelnen Versuchungen mit „dann, daraufhin“ im Sinn zeitlich nachfolgender Ereignisse, während Lukas die Ereignisse nur mit „und“ verbindet. Außerdem ist der barsche Befehl Jesu: „Weg mit dir, Satan!“ nur nach der zeitlich letzten Versuchung sinnvoll. Lukas hat offenbar aus thematischen Gründen die Abfolge verändert.“

Diese Meinung des Autors wäre zwar in einem Kommentar interessant, aber hier stellt er sich ganz eindeutig über die Schrift, denn er meint urteilen zu können, was dem tatsächlichen Geschehen entspricht – gegen das Wort Gottes aus dem Lukasevangelium. Und so zieht es sich durch diesen ganzen Versuch, die vier Evangelien gegeneinander auszugleichen. Der – sehr „bibeltreue“ – Autor merkt nicht, dass er meint, darüber urteilen zu können, was der Wahrheit entspricht und was nicht.

 

 

BasisBibel. Neues Testament und Psalmen, © 2012 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart: www.basisbibel.de

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