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Epheser 2,19-22

Der Lehrtext von heute steht in Epheser 2,22:

Durch Jesus Christus werdet auch ihr mit erbaut zu einer Wohnung Gottes im Geist.

Und dann gleich im Zusammenhang (BasisBibel):

19     Ihr seid also nicht mehr Fremde oder Gäste ohne Bürgerrecht. Ihr seid vielmehr gleichberechtigte Mitbürger der Heiligen und Mitglieder von Gottes Hausgemeinschaft.

20     Ihr seid als Gemeinde gegründet auf dem Fundament der Apostel und Propheten, dessen Eckstein Christus Jesus ist.

21     Durch ihn wird der ganze Bau zusammengehalten. So wächst er zu einem heiligen Tempel empor, der dem Herrn gehört.

22     Weil ihr zum Herrn gehört, werdet auch ihr als Bausteine in diesen Tempel eingefügt. Gott wohnt darin durch den Heiligen Geist.

 

Dieses Bild, das Paulus hier gebraucht, hat nicht irgendeinen Tempel im Hintergrund – davon gab es damals im römischen Reich mehr als genug in jeder Stadt und jedem Dorf –, sondern es bezieht sich natürlich auf den Tempel in Jerusalem. Der zweite, von Herodes dem Großen prächtig ausgebaute Tempel stand ja noch in aller Herrlichkeit; erst 70 n. Chr. wurde er von den Römern zerstört. (Einen guten Überblick und Ausgangspunkt für weitere Nachforschungen bietet dieser Wikipedia-Artikel: Tempelberg.)

Wie ist das eigentlich mit dem Tempel für uns als Nachfolgerinnen und Nachfolger Jesu? Wir wissen, dass für die Juden die Wiederkunft des Messias eng verbunden ist mit dem Wiederaufbau des Tempel, des dritten Tempels also. Und dass es bereits konkrete Baupläne und Vorbereitungen dafür gibt (siehe z. B. hier). Der israelische Inland-Geheimdienst Shin Bet muss immer wieder verhindern, dass radikale Juden die muslimischen Moscheen auf dem Tempelberg in die Luft jagen (um die Wiederkunft des Messias etwas zu beschleunigen).

Aber spielt der konkrete Tempel in Jerusalem für uns als Christen überhaupt noch eine Rolle?

Wenn wir in die Bibel schauen, ist das Ergebnis uneinheitlich. Einerseits gibt es prophetische Bibelworte, die einen Tempel in Jerusalem ankündigen, zu dem alle Völker kommen werden (siehe z. B. Jesaja 2,2-5 – unten angefügt; Jesaja 60). Man spricht da auch von der „Völkerwallfahrt zum Zion“. Und diese Ankündigungen sind nur schwer mit dem zweiten Tempel in Einklang zu bringen, da steht also noch etwas aus. Das führt dazu, dass auch manche Christen versuchen, die Wiederkunft Jesu als Messias mit diesen Aussagen in Verbindung zu bringen. Und nicht umsonst gibt es viele christliche Einrichtungen in Jerusalem und Israel, die sich diesem Anliegen verschrieben haben.

Etwas spannungsvoll dazu wird es, wenn wir ins Neue Testament schauen. Da gibt es an keiner Stelle diese Verbindung des Tempelgebäudes in Jerusalem mit der Wiederkunft Jesu. Im Gegenteil: Die Aussagen Jesu und dann der Jünger / Apostel zum Tempel sind äußerst kritisch. Jesus sagt nicht nur die Zerstörung des Tempels voraus (Matthäus 24,1-2), sondern setzt sich selbst an die Stelle des Tempels als Begegnungsort mit Gott (Johannes 2,19-21). Und als bei Jesu Tod am Kreuz der Vorhang im Tempel zerreißt (Matthäus 27,51), wird deutlich: Der Tempel als Ort der Sühnung von Schuld hat ausgedient. Durch Jesus kann jeder zu Gott kommen – völlig unabhängig vom Ort. In den Briefen wird der Tempel ausschließlich übertragen als Bild verstanden – für die Gemeinde Jesu (1. Korinther 3,16-17) und sogar für jeden einzelnen Gläubigen als Tempel des Heiligen Geistes (1. Korinther 6,19). Und schließlich lesen wir im letzten Buch der Bibel ganz am Ende, dass es im himmlischen Jerusalem eben gerade kein Tempelgebäude mehr nötig ist. Weil Gott unmittelbar inmitten seiner Kinder gegenwärtig sein wird. (Offenbarung 21,22)

Der biblische Befund ist also durchwachsen, wobei mir persönlich der Umgang Jesu und der frühen Gemeinde mit dem Tempelgebäude in Jerusalem entscheidend wichtiger ist. Wie und ob Gott das dann noch „am Ende der Tage“ mit dem dritten Tempel irgendwie zusammenbringt, will ich gerne ihm überlassen.

 

Was kann also das Bild vom Bau, vom Tempel aus unserem Bibelwort Epheser 2,19-22 für uns heute bedeuten?

Unser Gemeindehaus als Versammlungsort und die Veranstaltungen sind enorm wichtig für uns als Gemeinde. Und in diesem Zusammenhang auch ein herzliches Dankeschön an alle, die täglich oder auch mehrmals in der Woche dort nachsehen, ob auch alles in Ordnung ist, und sich um dies und das kümmern! 

Aber das Gemeindehaus ist kein „heiliger, geweihter Ort“ der Gegenwart Gottes, so als würde Gott dort stärker oder eher zu erfahren sein als an einem anderen Platz. Sondern der heilige Tempel des Herrn (V.21) besteht aus den vielen einzelnen Nachfolgern und Nachfolgerinnen Jesu, also aus dir und mir. Und dieser Bau ist zuerst ein geistliches Gebilde, Gottes Wohnung im Geist.

Wir können uns in diesen Tagen und Wochen – und wir hoffen und beten, dass es keine Monate werden – nicht treffen, und das fällt uns schwer und verhindert so manche ermutigende und auferbauende Begegnung. Dennoch sind wir im Geist Gottes miteinander verbunden. Vielleicht bietet diese Situation sogar die Möglichkeit, Gemeinde stärker dort zu leben, wo wir im Alltag zu Hause sind. In der Familie, in der Nachbarschaft, bei der Arbeit. Wir können uns als Menschen, die vom Heiligen Geist geleitet werden, anders verhalten als üblich: freundlicher, hilfsbereiter, zugewandter…

 

Und wieder will ich uns nahe legen, zum Telefon zu greifen und jemanden anzurufen. Vielleicht mal bewusst jemanden, die/den du noch nicht so richtig kennst? Das Adressverzeichnis unserer Gemeinde bietet da viele Möglichkeiten. Und möglicherweise hast du den Mut, deine „Komfortzone“ zu verlassen, also nicht nur mit den Menschen zu sprechen, die du ohnehin schon gut kennst? Eventuell rufst du bewusst ältere oder jüngere Geschwister an, Alleinstehende oder Familien?

 

Ich möchte uns für diesen Tag ermutigen. Wir können beten, liebevoll miteinander umgehen und anderen helfen, wo Hilfe gebraucht wird.

 

 

Pastor Axel Schlüter

 

Jesaja 2,2-5 (Einheitsübersetzung)

2    Am Ende der Tage wird es geschehen: Der Berg des Hauses des HERRN steht fest gegründet als höchster der Berge; er überragt alle Hügel. Zu ihm strömen alle Nationen.

3    Viele Völker gehen und sagen: Auf, wir ziehen hinauf zum Berg des HERRN und zum Haus des Gottes Jakobs. Er unterweise uns in seinen Wegen, auf seinen Pfaden wollen wir gehen. Denn vom Zion zieht Weisung aus und das Wort des HERRN von Jerusalem.

4    Er wird Recht schaffen zwischen den Nationen und viele Völker zurechtweisen. Dann werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden und ihre Lanzen zu Winzermessern. Sie erheben nicht das Schwert, Nation gegen Nation, und sie erlernen nicht mehr den Krieg.

5    Haus Jakob, auf, wir wollen gehen im Licht des HERRN.

 

BasisBibel. Neues Testament und Psalmen, © 2012 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart: www.basisbibel.de

 

Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, vollständig durchgesehene und überarbeitete Ausgabe© 2016 Katholische Bibelanstalt, Stuttgart

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