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Psalm 147,11

Heute lesen wir in den Losungen den Bibelvers Psalm 147,11; den ganzen Psalm findest du wieder unten angehängt:

Der HERR hat Gefallen an denen, die ihn fürchten, die auf seine Güte hoffen.

Das ist die Lutherübersetzung; in der Einheitsübersetzung lautet der Vers:

Gefallen hat der HERR an denen, die ihn fürchten, an denen, die auf seine Liebe warten.

Da drängt sich doch gleich die Frage aus: Wie kann ich den Herrn so fürchten und so auf ihn hoffen bzw. auf seine Liebe warten, dass es Gott gefällt? Ich setze mal voraus, dass wir so leben wollen, dass wir Gottes Wohlgefallen haben.

 

In diesem Vers gibt es den leicht verständlichen Teil und den etwas schwierigeren. Leicht ist es, auf Gottes Güte zu hoffen, auf seine Liebe zu warten. Das bietet sich in unsicheren Zeiten an. Wir wissen nicht, was kommen wird, und da stimmt dann wohl der Satz „Not lehrt beten.“ Sogar in den säkularen (nicht religiösen) Medien fällt auf, dass die Menschen in dieser Krise wieder mehr nach Gott fragen. Wir bauen darauf, dass Gott die Zukunft kennt und auch gestaltet, dass wir also diesem Virus nicht ausgeliefert sind. Zumindest nicht im umfassenden Sinn.

 

Wie aber ist das mit der „Gottesfurcht“? Da begeben wir uns auf etwas unübersichtliches Gelände. Dass Menschen gerne vor Gott (oder den Göttern – je nach Religion) Angst haben, ist hinlänglich bekannt. Viele Religionen und auch große Teile der Christenheit sind darauf aufgebaut, dass man sich vor Gott fürchten solle. Diese Furcht wird durch Unsicherheit ausgelöst. Wenn Gott tatsächlich allmächtig ist, wenn er tun und lassen kann, was er will, wenn er heilig und unnahbar ist, wenn wir Menschen vor ihm ohnehin nicht bestehen können, dann verunsichert uns das. Dann können wir im Letzten nicht wissen, ob er Gefallen an uns hat. Wir können uns dem nur annähern ohne je Gewissheit zu erlangen.

Diese Furcht kann dann gut vom geistlichen Bodenpersonal genutzt werden. Der Priester hat die Autorität, im Namen des Gottes genau sagen zu können, welches konkrete Verhalten dem Gott gefällt. Und dann kann er – oder die geistliche Organisation, für die er steht – die Gläubigen natürlich fast beliebig manipulieren. Das geht mit der Drohung von ewiger Verdammnis oder etwas tückischer durch die Androhung, die gesellschaftlichen Kontakte zu verlieren. Wer sich nicht angemessen verhält, wird rausgeworfen aus der Gemeinschaft. Und die Schlüssel zu der Gemeinschaft mit Gott in diesem und dem jenseitigen Leben haben die Stellvertreter Gottes auf Erden.

 

Wie ist es aber in der Bibel zu finden? Wie verhält es sich da mit der Gottesfurcht?

Zuerst einmal dürfen wir nicht den Fehler machen, in dieser Frage das Alte und das Neue Testament gegeneinander auszuspielen. Manchmal wird so argumentiert: Im AT haben wir ein Gottesbild, wie es in den Religionen üblich ist (siehe oben). Und im NT hat Jesus uns den Gott der Liebe gebracht, so dass die Furcht vor Gott keine Rolle mehr spielt. Das aber übersieht, dass sich sowohl die Furcht vor Gott als auch die Liebe Gottes in der ganzen Bibel findet.

Nein, wir müssen viel mehr fragen, wie das denn sein kann, dass die Furcht und die Liebe Gottes zusammengehören? In unserem Bibelvers Psalm 147,11 steht es ja auch dicht zusammen. Der HERR hat Gefallen an denen, die ihn fürchten, die auf seine Güte hoffen. / die auf seine Liebe warten. Da ist fürchten und hoffen bzw. auf seine Liebe warten in einem Atemzug genannt, als zwei Seiten der gleichen Medaille. Es gehört also irgendwie zusammen.

Der Schlüssel findet sich – wie so oft – in der damaligen Kultur. Wenn wir Menschen von Gott reden, dann können wir das ja nur mit den Begriffen und dem Weltverständnis, in dem wir uns gerade befinden. Auch die Offenbarung Gottes werden wir in dem Rahmen verstehen, in dem wir uns aufhalten. Wir Menschen können nur menschlich von Gott reden – Anthropomorphismus nennt man das. Gott hat ja wohl keine Augen, Ohren oder Hände, und dennoch können wir nur so zum Ausdruck bringen, dass er uns sieht oder unsere Gebet hört oder uns bewahrt.

Und die Kultur der biblischen Zeiten durch alle Jahrtausende war eine zutiefst patriarchalische Gesellschaft, das bedeutet, dass es auf den Mann als Vater und damit als Patron, als Hausvorstand, Sippenältester oder auch „Vater des Volkes“ ankam. Hierarchie (also eine von oben nach unten durchgeordnete Gesellschaft) muss nicht automatisch auf Gewalt beruhen, sondern es geht auch um Führung oder Fürsorge oder Versorgung.

Und dem Vater (oder Ältesten oder Stammesführer oder König, Priester, Prophet) begegnet man in Ehrfurcht und Liebe. Ehrfurcht bedeutet, dass man seine Autorität anerkennt, ihn ehrt als Person, ihm Respekt entgegenbringt. Und entsprechend wird dann Gottes Offenbarung interpretiert: Gottesfurcht ist Ehrfurcht, Scheu, Anerkennung, sich in seinen Willen fügen. Sie führt dazu, dass man sich Gott angemessen verhält, indem man sich zum Beispiel um die sozial Schwachen kümmert.

Diese Ehrfurcht vor Gott ist im Neuen Testament selbstverständlich vorausgesetzt. Sie muss gar nicht weiter thematisiert werden. Und doch kommt durch Jesus noch ein wesentlicher Aspekt hinzu. Wir dürfen daraus kein Gegensatz zum AT konstruieren, dann würden wir den Gott des AT dem Gott des NT gegenüberstellen. Es kommt eine Offenbarung Gottes hinzu, die eben nicht menschlich verstanden ist, sondern durch Jesus als dem Sohn Gottes unmittelbar gebracht wird. Wenn Jesus von Gott als dem „Abba, lieber Vater“ spricht (Markus 14,36; daher Römer 8,14; Galater 4,6), dann wird die Ehrfurcht vor Gott neu geordnet: In Christus überleuchtet die Liebe Gottes, des Vaters zu seinen Kindern bei weitem die Furcht. Damit wird die Ehrfurcht nicht aufgehoben, aber neu einsortiert. Sie soll nicht mehr zuerst die Beziehung zwischen den JesusnachfolgerInnen und Gott bestimmen, sondern die Liebe, die alle Furcht austreibt (1. Johannes 4,17-19; siehe unten).

 

Ich möchte uns für diesen Tag ermutigen. Wir können beten, liebevoll miteinander umgehen und anderen helfen, wo Hilfe gebraucht wird. Und ich möchte dich zu beidem herausfordern: Gott zu ehren, ihm Ehrfurcht entgegen zu bringen. Das aber nicht aus Angst oder Ungewissheit, sondern in dem tiefen Bewusstsein: Gott liebt mich als der gute Vater im Himmel. Er beschenkt mich mit seinem Wohlgefallen. Dieser Wahrheit darfst du dich in Jesus Christus anvertrauen.

 

Pastor Axel Schlüter

 

Psalm 147 (Luther-Übersetzung 2017)

1       Lobet den HERRN! / Denn unsern Gott loben, das ist ein köstlich Ding, ihn loben ist lieblich und schön.

2       Der HERR baut Jerusalem auf und bringt zusammen die Verstreuten Israels.

3       Er heilt, die zerbrochenen Herzens sind, und verbindet ihre Wunden.

4       Er zählt die Sterne und nennt sie alle mit Namen.

5       Unser Herr ist groß und von großer Kraft, und unermesslich ist seine Weisheit.

6       Der HERR richtet die Elenden auf und stößt die Frevler zu Boden.

7       Singt dem HERRN ein Danklied und lobt unsern Gott mit Harfen,

8       der den Himmel mit Wolken bedeckt / und Regen gibt auf Erden; der Gras auf den Bergen wachsen lässt,

9       der dem Vieh sein Futter gibt, den jungen Raben, die zu ihm rufen.

10     Er hat keine Freude an der Stärke des Rosses noch Gefallen an den Schenkeln des Mannes.

11     Der HERR hat Gefallen an denen, die ihn fürchten, die auf seine Güte hoffen.

12     Preise, Jerusalem, den HERRN; lobe, Zion, deinen Gott!

13     Denn er macht fest die Riegel deiner Tore und segnet deine Kinder in deiner Mitte.

14     Er schafft deinen Grenzen Frieden und sättigt dich mit dem besten Weizen.

15     Er sendet seine Rede auf die Erde, sein Wort läuft schnell.

16     Er gibt Schnee wie Wolle, er streut Reif wie Asche.

17     Er wirft seine Schloßen herab wie Brocken; wer kann bleiben vor seinem Frost?

18     Er sendet sein Wort, da schmilzt der Schnee; er lässt seinen Wind wehen, da taut es.

19     Er verkündigt Jakob sein Wort, Israel seine Gebote und sein Recht.

20     So hat er an keinem Volk getan; sein Recht kennen sie nicht. Halleluja!    

 

1. Johannes 4,17-19 (BasisBibel)

17     Darin ist Gottes Liebe bei uns ans Ziel gelangt: Am Tag des Gerichts werden wir voller Zuversicht sein. Denn wie Christus untrennbar eins ist mit dem Vater, so sind es auch wir – schon hier in dieser Welt.

18     Die Liebe kennt keine Furcht, sondern die vollkommene Liebe vertreibt die Furcht. Denn Furcht rechnet mit Strafe. Bei dem, der sich fürchtet, ist die Liebe noch nicht an ihr Ziel gelangt.

 

19     Wir können ja nur lieben, weil er uns zuerst geliebt hat.

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