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Jesaja 29,9-16

Heute lesen wir das Losungswort Jesaja 29,16; den ganzen Textzusammenhang V.9-16 findest Du unten angehängt:

Wie kehrt ihr alles um! Als ob der Ton dem Töpfer gleich wäre, dass das Werk spräche von seinem Meister: Er hat mich nicht gemacht! und ein Bildwerk spräche von seinem Bildner: Er versteht nichts!

 

In den Kapiteln 1 bis 39 sagt der Prophet Jesaja (Wirksamkeit 740 und 701 v. Chr.) das Gericht Gottes an. Und so kam es dann auch: 722 wurde das Nordreich Israel von den Assyrern und ab 597 Jerusalem / das Südreich Juda von den Babyloniern erobert bzw. zerstört.

Es ist aber sehr schwierig, einzelne Abschnitte des Jesajabuches konkret mit einer Situation in Jerusalem (und dem Südreich Juda) in Beziehung zu setzen. Wen genau hat der Prophet im Blick? Wer macht da zum Beispiel Geheimpläne (V.15)?

Nun ist das mit der biblischen Prophetie so, dass sie ganz unterschiedliche „Spitzen“ hat, das heißt, sie wurde zwar in eine konkrete Situation hinein gesprochen – damals der Prophet Jesaja in Jerusalem –, aber sie erfüllt sich immer wieder in der Geschichte Gottes mit seinem Volk und dann auch mit der ganzen Menschheit. Wir dürfen sie also auch für uns heute hören und danach fragen, ob und was Gott uns dadurch zu sagen hat. Prophetie hat grundsätzlich gar nicht so sehr den Schwerpunkt der Zukunftsvorhersage (was wird konkret wann geschehen), sondern es geht vielmehr darum, was Gott heute deutlich machen möchte. Deswegen kann so ein 2700 Jahre altes Wort ganz aktuell zum lebendigen Reden Gottes für uns werden.

 

Mir ist heute eine Sache wichtig geworden:

Zum Vers 16 (Der Ton kann nicht den Töpfer kritisieren.) passt Vers 10 (Gott handelt durch seinen Geist – auch die unangenehmen Sachen kommen von ihm.). Glauben wir eigentlich, dass Gott „im Regiment“ ist, dass also tatsächlich alles von ihm kommt? Oder brauchen wir irgendwelche Hilfskonstruktionen (Schicksal, Zufall, Teufel), um die Geschehnisse zu erklären, die uns nicht passen?

Wie gehen wir mit der momentanen Lage um? Auf der einen Seite gibt es die trockene wissenschaftliche Erklärung für die Corona-Epidemie und auch Hoffnungen, die sich mit einem vernünftigen Verhalten und mit der medizinischen Forschung verbinden. Dennoch bleibt da die Frage nach dem Sinn des Ganzen. Wir Menschen sind nun einmal auf Sinn ausgelegt; wir können nur schwer damit umgehen, wenn wir kein Wozu erkennen können.

Nun dürfen wir nicht in die Falle tappen, die guten Dinge Gott als dem liebenden Vater zuzuschreiben und die bösen Dinge entweder dem Schicksal oder Zufall oder dem Teufel. Da landen wir letztlich bei zwei Göttern, einem dualistischen Gottesbild. Nein, „Geschieht etwa ein Unglück in der Stadt, und der HERR hat es nicht bewirkt?“ (Amos 3,6; ähnlich Jesaja 45,7) – unser Glaube muss es aushalten, dass Gott auch für die schweren und völlig unverständlichen Dinge zuständig ist.

Wir werden es nicht verstehen, woher das Böse oder der Böse kommt und warum Gott ihm einen Handelsspielraum zubilligt. Wir leiden darunter, weil eben kein Sinn erkennbar ist, wenn z. B. die Menschen, die ohnehin schon durch Krieg, Flucht und Vertreibung unfassbare Not haben, jetzt womöglich auch noch durch das Coronavirus dahingerafft werden. Zwar sind Menschen für viel Böses in dieser Welt verantwortlich, aber für alles reicht diese Schuldzuweisung nicht aus.

Die Warum- oder Wozu-Frage werden wir nicht beantwortet bekommen, aber wir müssen sie unserem Gott stellen. Wenn wir ihn als Herrn über alles ernst nehmen, dürfen wir ihn damit nicht verschonen. Es ist nicht nötig, dass wir Gott vor dieser Frage schützen, andere verantwortlich machen, weil wir sie ihm nicht zumuten wollen.

Und wir werden im Letzten keine andere Antwort bekommen, als dass wir auf das Kreuz Jesu hingewiesen werden. Am Kreuz nimmt Jesus das Leiden der ganzen Welt auf sich; Gott macht sich solidarisch mit unserem Leiden.

Deswegen werden wir zwar das Warum nicht verstehen – manchmal erschließt sich ein Sinn im Rückblick –, aber wir dürfen uns im Glauben / im Vertrauen felsenfest darauf verlassen, dass Jesus in allem an unserer Seite ist, uns begleitet und trägt. Leid oder Unglück geschieht nicht in Gottes Rücken, wenn er gerade nicht hinschaut. Und Leid oder Unglück ist auch nicht zuerst eine Strafe Gottes, weil wir ihn aus dem Blick verloren haben. Sondern es geschieht – und Jesus ist als der Auferstandene an unserer Seite, leidet mit, hält fest, hilft, tröstet, ermutigt – und überwindet.

 

Ich möchte uns für diesen Tag ermutigen. Wir können beten, liebevoll miteinander umgehen und anderen helfen, wo Hilfe gebraucht wird. Weil wir inmitten der Realitäten dieser Welt nicht alles verstehen, wir uns aber unserem Herrn Jesus Christus anvertrauen dürfen – und das verändert alles!

 

Pastor Axel Schlüter

 

Jesaja 29,9-16 (Gute Nachricht)

9       Entsetzt euch und werdet vor Entsetzen starr! Seid verblendet und werdet in Verblendung blind! Ihr seid betrunken, aber nicht von Wein! Ihr schwankt hin und her, und das ohne Bier!

10     Der HERR hat einen Geist über euch kommen lassen, der euch in tiefsten Schlaf versetzt hat. Eure Augen – die Propheten – hat er zugedrückt, und eure Köpfe – die Seher – hat er verhüllt.

11     Was der Prophet geschaut und verkündet hat, ist für euch wie ein versiegeltes Buch. Gibt man es einem Menschen, der lesen kann, und sagt zu ihm: »Hier, lies das!«, so antwortet er: »Ich kann nicht, es ist versiegelt.«

12     Und gibt man es einem Ungebildeten, so antwortet er: »Ich kann nicht lesen.«

13     Der Herr hat gesagt: »Dieses Volk da behauptet, mich zu ehren. Aber sie ehren mich nur mit Worten, mit dem Herzen sind sie weit weg von mir. Ihr ganzer Gottesdienst ist sinnlos, denn er besteht nur in der Befolgung von Vorschriften, die Menschen sich ausgedacht haben.

14     Deshalb will ich auch weiterhin fremdartig und unverständlich an diesem Volk handeln. Dann wird die Weisheit seiner Weisen vergehen und von der Klugheit seiner Klugen wird nichts mehr übrig bleiben.«

15     Weh denen, die ihre Geheimpläne machen, ohne mit dem HERRN zu rechnen, die ihr Spiel im Dunkeln treiben und denken: »Wer sieht uns denn? Wer merkt schon etwas davon?«

 

16     Sie bilden sich ein, sie könnten die Rollen vertauschen! Der Ton kann doch nicht so tun, als wäre er der Töpfer! Oder kann das Werk von seinem Schöpfer sagen: »Er hat mich nicht gemacht«? Kann das Tongefäß vom Töpfer sagen: »Er versteht nichts davon«?

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